ÜberLebensweg – Alex Capasso

Alex
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, dass ich meine Mutter im Predigtdienst zu einem Bibelstudium begleitet habe. Ich wurde in die „Wahrheit“ reingeboren und somit schon als Kleinkind in dem Glauben erzogen und geprägt. Meine Eltern waren Pioniere in der italienischen Versammlung und mein Vater ein Ältester, als meine Mutter mit mir schwanger wurde.

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Meinen Alltag habe ich so erlebt, dass sich unser ganzes Leben um den Glauben und die Religionsgemeinschaft gedreht hat. Der Glaube war das Wichtigste und stand immer an erster Stelle. Da mein Vater Ältester war, haben wir als Familie alle paar Jahre oder manchmal auch nur Monate die Versammlung gewechselt, um dort zu dienen, wo Hilfe benötigt wurde. Da der italienische Kreis sehr groß war, waren damit nicht selten lange Fahrtwege verbunden. Oft kamen wir abends erst sehr spät nach Hause, wenn nach den Zusammenkünften die Ältesten ihre Besprechungen abhielten.

An meine Kindheit erinnere ich mich nicht gerne zurück, da diese Erinnerungen meistens mit einem Gefühl von Stress und schlechtem Gewissen verbunden sind. Mein Vater war sehr streng und achtete sehr darauf, dass wir uns zu allen Zusammenkünften (damals 3-mal die Woche) gut und akribisch vorbereiten. Der Predigtdienst, das Familienstudium und das persönliche Studium, sowie das Lesen aller neuen Ausgaben des Erwachet! und des Wachtturms waren natürlich auch fester Bestandteil jede Woche. Irgendwann dazwischen musste man ja auch was für die Schule tun.

Das hatte alles zur Folge, dass ich das wenige bisschen Freizeit meistens nicht genießen konnte. Fernsehen oder Spielen?… Hm, eigentlich sollte ich die Zeit lieber nutzen, um den neuen Wachtturm zu lesen. Und schon fing das schlechte Gewissen an zu arbeiten. Das war ein Teufelskreis, denn alles zu schaffen war einfach unmöglich.

Körperliche Züchtigung in Form von Schlägen und psychischer Gewalt stand natürlich auch auf der Tagesordnung. Immerhin wurde einem versichert, dass dies nur geschieht, weil Gott und mein Vater mich lieben. Möchte hier aber nicht so weit darauf eingehen.

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Weil ich mich in einen Mann verliebt und Sex hatte.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Da ich nie etwas anderes kennengelernt habe und eigenständiges Denken, sowie das Entwickeln einer eigenen Persönlichkeit nicht gefördert wird, dachte ich immer, ich würde das Richtige tun, wenn ich mich für den Glauben und die Gemeinschaft engagiere. Ich wusste schon immer, dass ich anders bin und es war mir sehr früh bewusst, dass ich schwul bin. Da dies bei den Zeugen Jehovas jedoch ein großes No-Go ist und ich auf Grund dessen ein schlechtes Gewissen hatte, dachte ich, je mehr ich mich für die Organisation einsetze, desto besser wird es mir gehen und Jehova vergibt mir meine sündigen Gedanken. Vielleicht hilft er mir sogar, hetero zu werden. So ging ich direkt nach meiner Ausbildung ins Bethel nach Selters, wo ich die nächsten 5 Jahre meines Lebens verbrachte. Schnell musste ich aber feststellen, dass der Vollzeitdienst nicht den erhofften Segen mit sich brachte. Das Gegenteil war der Fall, denn je mehr ich mich anstrengte, desto schlechter ging es mir. Die Folge waren Burnout und Depressionen.

In der Hoffnung Hilfe zu erhalten, vertraute ich mich einigen Bethel-Ältesten an und erzählte Ihnen von meinen homosexuellen Gefühlen. Einer von ihnen machte mich mit einem anderen Betheliten bekannt, der eine vielversprechende Therapie im Ausland machte, um von der Homosexualität geheilt zu werden. In meiner Verzweiflung stimmte ich zu, diese Form der Therapie auszuprobieren. Im Laufe der nächsten 1 – 2 Jahre fuhr ich also regelmäßig mit anderen Brüdern nach Polen um „geheilt“ zu werden. Dort lernte ich andere Zeugen Jehovas kennen, die aus der ganzen Welt kamen, um sich dieser Tortur zu unterziehen.

Wie man sich denken kann hat diese Therapie nichts gebracht. Das Gegenteil war der Fall, denn die Depressionen wurden schlimmer und ich war stark selbstmordgefährdet. Also musste ich das Bethel verlassen, denn ich war dort nicht mehr von Nutzen. Ich fühlte mich wie ausgesaugt und weggeworfen.

Ein Bruder, den ich in der Therapie kennenlernte, lud mich zu sich nach Seattle (USA) ein, um wieder zu Kräften zu kommen. In dieser Zeit freundete ich mich mit einem jungen Mann an. Wir verliebten uns und kamen uns näher. Am letzten Abend vor meiner Abreise wurden wir erwischt. So kam das Ganze ins Rollen. Die Konsequenz: Ich wurde ausgeschlossen. Ich war es einfach leid zu kämpfen und hatte keine Kraft mehr, mich selbst zu verleumden und nicht ich selbst zu sein.

5. Bist du von Ächtung betroffen?
a) Wenn ja, in welchem Ausmaß?

Wie die meisten bin auch ich von Ächtung betroffen. Von einem Tag auf den anderen habe ich meine gesamte Familie und den damaligen Freundeskreis verloren. Der Kontaktabbruch hält bis heute, auch noch 15 Jahre später an. Nach meinem Ausschluss stand ich ohne soziale Kontakte da und musste mir langsam wieder einen Freundeskreis aufbauen.

b) Warum ächten dich diese Personen/Zeugen Jehovas?

Die Anweisung der Ächtung geht ganz klar von der leitenden Körperschaft [Führungsgremium in NY – Anm. JZ Help e.V.] aus. Regelmäßig werden die Zeugen Jehovas von ihnen ermahnt, keinen Umgang mit uns zu haben. Verpackt wird das Ganze als liebevolle Vorkehrung, um uns dazu zu bewegen, wieder zurück zu Jehova zu finden. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei nur um Erpressung und Angst, dass die Mitglieder durch den Umgang mit Ausgeschlossenen erfahren könnten, was bei den Zeugen Jehovas alles schief läuft.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Heute geht es mir gut. Auch wenn es ein langer Weg bis dahin war. Nach meiner Zeit im Bethel und bei den Zeugen Jehovas war es schwer für mich, im richtigen Leben anzukommen. Ich kam mir vor, als hätte ich bis dato in einem Bunker gelebt und würde das erste Mal einen Schritt in die normale Welt setzen.

Es war schwer für mich in der Berufswelt Fuß zu fassen, wenn man direkt nach der Ausbildung 5 Jahre Ordensmitglied war. Am Anfang hielt ich mich mit Jobs über Wasser wie Kellnern, Museumsaufsicht und als Barmann in einer Schwulensauna. Irgendwann hat es dann doch geklappt und ich fand einen guten Job bei einer Krankenkasse, bei der ich viele Jahre gearbeitet habe. Heute bin ich in der Stadtverwaltung tätig und bin sehr froh, es bis hierhin geschafft zu haben.

Am schwersten war es, nach meinem Ausschluss alleine mit meinen Depressionen klar zu kommen. Ein längerer Klinikaufenthalt und richtige Therapie haben mir das Leben gerettet. Es hat viele Jahre gebraucht, um alles zu dekonstruieren. Heute habe ich liebe Freunde und bin seit 9 Jahren mit meinem Partner in einer glücklichen Beziehung.

Ich muss aber auch zugeben, dass ich heute noch manchmal schwere Tage habe, an denen Depressionen oder Panikattacken aufkommen. Allerdings habe ich im Laufe der Jahre durch meine Therapie gelernt, richtig damit umzugehen. Auf meine Bedürfnisse zu achten – etwas, was früher nicht möglich war und als egoistisch angesehen wurde. Auch Sport und meine Wahlfamilie helfen mir dabei, mehr gute als schlechte Tage zu haben.

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Ich bereue es keine Sekunde, kein Zeuge Jehovas mehr zu sein. Endlich kann ich ich selber sein. Darf meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich muss mir nicht mehr von ein paar Männern in New York sagen lassen, was ich denken soll, wer ich zu sein habe und wo ich recherchieren darf und wo nicht. Ich durfte endlich entdecken, wer ich wirklich bin. Darf auch mal Fehler machen und das ist auch okay so. Das gehört zum Leben dazu und nur so kann ich wirklich was lernen. Ich darf ohne ein schlechtes Gewissen zu haben gut zu mir sein und lieben, wen ich möchte.
Bedingungslos lieben und geliebt werden.
Das Leben ist jetzt schön!

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Wie die leitende Körperschaft möchte ich hier auch einen Bibelvers komplett aus dem Kontext heraus zitieren:

Jesaja 40:31: „Sie laufen schnell ohne zu ermüden. Sie gehen und werden nicht matt.“

Ich habe nur einen Rat: Laufe so schnell du kannst!