ÜberLebenswege – Tobias D. aus Vorarlberg

1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen? 

Meine Mutter wurde in ihren 20ern von den ZJ an der Haustüre angesprochen. Mit 30 Jahren hat sie mich bekommen und ich bin seit meiner Geburt immer mitgegangen. Mit ca. 27 Jahren wurde ich ausgeschlossen, weil ich mich politisch für die Menschen in meiner Gemeinde eingesetzt habe. Die Mitgliedschaft in einer Partei oder die Teilnahme an Wahlen ist für ZJ ein Tabu.

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Da ich schon seit ich denken kann immer mit dabei war, habe ich im Laufe der Jahre sehr viele Menschen bei den ZJ kennengelernt. Man kann sich sicher vorstellen, dass hier viele Geschichten zusammenkommen. Im Großen und Ganzen habe gab es zwar unangenehme Erlebnisse, meistens fühlte ich mich aber wohl. Unangenehm war manchmal mein Alltag außerhalb der Versammlung. So durfte ich die Feiertage nicht mitfeiern und das war für alle Mitschüler immer komisch. Auch die Geburtstagsfeiern meiner Schulfreunde durfte ich nicht besuchen. Hier hat die Mutter meines besten Schulkollegen extra die Geburtstagsfeier umbenannt und um zwei Tage verschoben, damit ich hingehen konnte. Dafür bin ich bis heute dankbar. 

Später als Jugendlicher war die erste Liebe und die Discobesuche (Alkohol, Weltmenschen als schlechter Umgang, Küssen etc.) ein Thema. Das aber nur, wenn es ein Thema bis zu den Ältesten schaffte. Später, als ich eine Familie mit Kindern gründete, wurden die Lehren der ZJ immer mehr zu einem Problem, da ich anfing diese zu hinterfragen und mich auch außerhalb von JW.ORG zu informieren.

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Ca. ein Jahr vor meinem Ausschluss habe ich begonnen, mich mit den Lehren der ZJ und allem was so hinter den Kulissen läuft intensiver auseinander zu setzen. Sätze wie „Jehova hat uns erlaubt, seinen Namen zu tragen“ konnte ich von da an nur noch belächeln. Auch hat es mich sehr gestört, dass unmündige Kinder durch Videos, aber auch durch unsere Freunde gedrängt wurden zu predigen. Das wollte ich für meine Kinder nicht. Dazu kam das Blutverbot, das ich nur für mich eventuell noch tragen hätte können, aber nie für meine Kinder angewandt hätte.

In dieser Zeit interessierte ich mich auch immer mehr für Politik. Das ist bei den ZJ ein No-Go, da sie den Staat und die Gesetze zwar bis zu einem gewissen Grad akzeptieren, Menschen, die sich aber politisch einsetzen, als Diener Satans sehen. Ich sah es und sehe es noch als Möglichkeit für Menschen in meiner Umgebung die Dinge etwas besser zu machen. Sich einzusetzen und zu helfen. Darum informierte ich mich über Politik und die Parteien in Österreich und trat einer Partei bei. Da die Bürgermeisterwahl vor der Türe stand und mein Engagement durch Postings, Fotos, sowie auch Plakate nicht länger zu verbergen war, bekam ich recht schnell einen Anruf der Ältesten aus meiner Versammlung. Sie fragten mich ob es stimmt, dass ich bei den Neos [Anm. jz.help: NEOS = Das Neue Österreich. Liberale Partei der Mitte mit Fokus auf Bildung, Pro-EU, sowie Wirtschaft und Transparenz] mitmache. Ich bejahte das. Sie fragten dann, ob ich ein Gespräch darüber will und ob ich wisse, dass das nicht gehe. Das Gespräch lehnte ich ab. Ich bestätigte ihnen, dass ich weiß, was das für mich bedeutete und fragte, wann mein Ausschluss bekannt gegeben würde. Es war in derselben Woche am Mittwoch. Nach dem Telefonat nutzte ich die Zeit, bis dahin meine (noch) Freunde zu informieren und mich zu verabschieden. Denn mein Ausschluss bedeutete, dass sie nie wieder mit mir reden würden, außer ich käme zurück, oder sie würden auch ausgeschlossen werden.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert? 
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Man könnte sagen, dass ich wegen dem sozialen Umfeld in der Versammlung verankert war und weniger wegen dem Glauben an sich. Die Lehren der ZJ haben mich lange begleitet, sie waren für mich aber nie das einzig Wahre. Meine meiste Freizeit habe ich mit Menschen aus der Versammlung verbracht. Zwei Mal Versammlung in der Woche und dann auch noch Treffen an den Wochenenden. Diese Treffen außerhalb der Versammlung waren eigentlich immer sehr schön und nicht immer von religiöser Natur. Meine innersten Gedanken konnte ich hier aber nicht äußern. Denn man musste immer fürchten, dass kritische Gedanken an die Ältesten gemeldet wurden. Dies musste ich bei meinem besten Freund außerhalb der Versammlung nicht befürchten. Auch wenn mir mehrere Male nahegelegt wurde, die Freundschaft mit ihm (dem weltlichen Freund) zu beenden, da er kein Diener Jehovas ist, habe ich an dieser Freundschaft immer festgehalten.

Verschiedene Lehren, wie die Generationenlehre, oder dass die Leitende Körperschaft direkt von Gott geleitet wird, habe ich schon früh in Frage gestellt. Ich hatte aber keinen Grund mich dazu wirklich kritisch zu äußern. Es ging mir ja gut in der Versammlung und ich hatte hier Freunde und Familie. Erst als ich meine eigene Familie hatte und meine Frau und ich Kinder bekamen, konnte ich manches einfach nicht mehr im Raum stehen lassen. Das fing damit an, dass ich über manche Aussagen der ZJ Witze machte oder meiner Frau sagte, dass dies oder das keinen Sinn machte. Später diskutierte ich mit meiner Frau immer offener darüber und informierte mich im Internet und in Büchern. Von da an sah ich Vieles mit anderen Augen. Wie kann es Liebe sein, wenn ich jemanden so durch Ächtung und Ausschluss mobbe, bis er wieder zurück in die Versammlung kommt? Was ist daran liebevoll, wenn Eltern ihr Kind verstoßen, weil es nicht dieselbe Religion haben will aber schon getauft ist? Will Gott wirklich, dass ich meine Kinder sterben lasse, wenn sie eine Bluttransfusion benötigen? Dazu und zu weiteren Punkten konnte ich einfach nicht mehr stehen.

5. Bist du von Ächtung betroffen? Wenn ja, in welchem Ausmaß?

So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich gehen sie auch mit der von den ZJ verordneten Ächtung gegenüber Ausgeschlossenen um. Manche grüßen mich zurück andere drehen sich im Geschäft schnell weg und suchen verzweifelt etwas in einem Regal, damit sie mich nicht ansehen müssen. Wirklich geredet hat seither kein ZJ mehr mit mir. Das ist auch so erwünscht, denn wie es in einem Artikel der ZJ geheißen hat: „Ein Gruß könnte zu einem Gespräch führen… Und Gespräche mit einem „Diener Satans“ sind natürlich nicht gewünscht.“ 
Eine Hilfe war für mich, dass ich jetzt frei bin in meinem Handeln und Denken. Der ZJ der mich nicht grüßt, muss die Regeln der ZJ befolgen und ist nicht frei. Ich bin nicht mehr an die ZJ-Regeln gebunden und somit bin nicht ich das Opfer, sondern er. Das hat mir geholfen. Ich habe keinen Grund, mich zu verstecken. Darum grüße ich Bekannte aus damaliger Zeit, wenn ich sie sehe. 
Durch meinen Ausschluss habe ich viele Freunde und Bekannte verloren. Nach dem Ausschluss blieben mir meine Familie und mein bester Freund außerhalb der Versammlung, mit dem ich seit der Volksschule befreundet bin. Das war auch für meine Frau sehr hart. Auch Sie wurde gemieden, da sie nicht mehr in die Versammlung ging und sich kritisch geäußert hatte. Durch die Familie und neue Kontakte außerhalb konnten wir das einigermaßen gut kompensieren. Mittlerweile haben wir diese Phase überbrückt und fühlen uns in unserem neuen sozialen Umfeld wohl und zuhause.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Heute hat sich für mich Vieles zum Besseren gewandt. Wenn ich Freunde treffe, die auch ausgestiegen sind, dann sind es die Geschichten über die man lachen kann, aber die manchmal auch staunende Stille auslösen… Wie konnte man sich manches so lange gefallen lassen? Wie kann man sein Leben lang in Angst leben und es mit Liebe und Glück verwechseln?
Wenn ich Mitglieder der ZJ sehe, kommen natürlich Erinnerungen hoch. Gute wie auch Schlechte. Jedoch fühle ich mich frei und nicht schuldig, so wie es ganz am Anfang war. Für mich sind sie Opfer religiöser Fundamentalisten. Unter Kontrolle gehalten durch Angst, Verbote und Manipulation.

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?
Nicht alles war gut, aber auch nicht alles war schlecht. Ich für mich konnte mit der Lebens- und Glaubensart der ZJ nicht mehr leben. Es war für mich nicht „DIE Wahrheit“, sondern ein religiöses Konstrukt unvollkommener Menschen, wie es viele gibt auf der Welt – mit Stärken und Schwächen.

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Viele Menschen suchen einen Sinn in Ihrem Leben oder gehen jetzt gerade durch eine dunkle Phase ihres Lebens wegen Verlusten oder Problemen. Die ZJ bieten Interessierten eine Gemeinschaft und eine paradiesische Zukunft. Alles, was du für dein Leben JETZT bekommst, sind Menschen, die genau so sind wie alle anderen Menschen auch und eine Zukunfts-Utopie. Manche Menschen sind sehr nett, manche sind das nicht. Das sieht man aber nicht auf den ersten Blick. In der Versammlung werden die Mitglieder darauf trainiert (wöchentlich) sich von ihrer besten Seite zu zeigen, wenn jemand Interesse zeigt. Das ist wenig authentisch und spiegelt nicht wider, was wirklich in Versammlungen vorgeht. Auch die Bücher, Hefte und Videos der ZJ sind auf Menschen wie dich ausgelegt. Du sollst nur das Positive sehen. 
Der zweite wichtige Punkt ist, dass sich viele Lehren der ZJ widersprechen. Das wirst du aber nicht erkennen, wenn du gerade anfängst zu studieren. Dafür benötigst du mehr Durchsicht innerhalb der Lehren und der Struktur der ZJ. Eventuell hilft es dir, die Vergangenheit der ZJ anzusehen. Was wurde hier schon „prophezeit“ (vorhergesagt), was nicht in Erfüllung ging? Hat Gott die ZJ angelogen, sodass sie falsch lagen (Gott kann aber laut Bibel nicht lügen)? Wie kann jemand falsch liegen, wenn Gott ihn leitet?
„Die Wahrheit“ wirst du bei den ZJ nicht finden. Ich hoffe, dass du als Interessierter der ZJ das schon vor deiner Taufe erkennst. Ansonsten wirst du es, sobald du es durchschaut hast, nicht leicht haben.