ÜberLebenswege – Anita G. aus B.

Anita
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen? 

Ich bin in die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas hinein geboren.

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Als kleines Kind versteht und begreift man gar nicht, dass man anders ist. Man denkt, dieses Leben ist die Normalität, gerade auch wenn man nur von Menschen umgeben ist, die selbst Teil der Glaubensgemeinschaft sind. Heute finde ich es rückblickend gesehen z.B. schade, dass ich nicht in den Kindergarten ging. So richtig konfrontiert mit den Unterschieden zu anderen Glaubensgemeinschaften wurde ich erst, als ich dann die Schule besuchte. Ich verstand nicht, wieso sämtliche christlichen Feste bei den Zeugen Jehovas nicht gefeiert wurden und ich konnte es auch nie vernünftig erklären, wenn ich zum x-ten Mal meinen Glauben erklären sollte. Ich schämte mich immer mehr dafür anders zu sein. Jahrelang wurde ich deshalb in der Schule gemobbt, ausgegrenzt und verspottet. Das Schlimmste waren die Pausen, ich war immer froh wenn ich unsichtbar war, sprich mich nicht im Unterricht beteiligen musste. Das zeigte sich dann auch in meinen Noten und der Motivation beim Lernen. Ich ertrug das alles, weil mir erzählt wurde, dass zu biblischen Zeiten treue Diener Gottes auch von bösen Menschen für ihren Glauben verspottet wurden. Im Teenageralter trennten sich dann meine Eltern und ich fühlte mich weniger eingeengt. Die Erwartungshaltung war trotzdem groß, aber ich konnte mich nie dazu durchringen, mich taufen zu lassen. Also lief ich nur so nebenher und tat das, was von mir verlangt wurde. Aber eine tiefe Freude empfand ich dabei nicht. Der Predigtdienst oder die Vorbereitung auf die Zusammenkünfte war sehr oft eher lästig und ich empfand es ähnlich wie Hausaufgaben für die Schule zu machen. Jeder wusste, man muss es tun, sonst gibt es einen Eintrag ins Klassenbuch und bei den Zeugen Jehovas gibt es eben ein Glaubensgespräch frei nach dem Motto „Wie können wir dir helfen, damit du noch mehr tun kannst?“

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Wie bereits erwähnt habe ich mich nie taufen lassen, ich war lediglich ungetaufte Verkündigerin. Da mir diese Tätigkeit aber keine richtige Freude bereitet hatte und ich von Natur aus auch eher ein schüchterner Mensch bin, habe ich den Dienst oft schleifen lassen. Ich konnte die Welten bei den Zeugen Jehovas nicht unter einen Hut bekommen. Also einerseits prahlen sie wie toll ihre Liebe untereinander ist, aber in der Realität habe ich viele andere negative Beispiele gesehen. Da wurde gelogen, betrogen, gestohlen usw. Die Kinder von Vorzeigefamilien (Ältestenfamilien) konnten sich viel mehr herausnehmen als andere. Ich selbst habe auch erlebt, dass mir nicht geglaubt wurde, als ich Opfer von sexueller Belästigung wurde. So häuften sich viele Dinge und ich beschloss einen Weg da raus zu finden und mein altes Ich los zu werden. Dazu zählte, dass ich unabhängig war, als ich meine Ausbildung angefangen hatte. Ich erzählte niemandem von den Zeugen Jehovas und führte somit gezwungenermaßen ein Doppelleben, indem ich nichts Schlimmes tat, nur eben nicht mehr für den Glauben einzustehen. Denn ich hatte gelernt, bei den Zeugen Jehovas findet man nur Freunde und Zuspruch, wenn man so lebt wie sie es wollen und so baute ich mir nach und nach ein eigenes Leben auf mit neuen Freunden.
Ausschlaggebendes Erlebnis für meinen Ausstieg war dann, dass ich mich mit einem Mann traf, der kein Zeuge Jehovas war und gemeinsam mit ihm alleine in seiner Wohnung zum Abendessen war und über Nacht blieb. Obwohl nichts passierte, hatte ich dann kurze Zeit später einen Anruf von den Ältesten erhalten, bei dem ich mich dazu äußern, rechtfertigen und natürlich bereuen sollte. Ich sagte, dass ich kein Gespräch wünsche und so wurde in meiner Abwesenheit in der Versammlung bekannt gegeben, dass ich keine ungetaufte Verkündigerin mehr bin.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert? 
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Mein Glaube war zu keiner Zeit stark genug. Irgendetwas hinderte mich immer, den letzten Schritt zur Taufe zu gehen. Ich spürte wohl innerlich, dass es nicht mein Lebensweg ist. Als ich 15 war, fing alles so langsam an zu bröckeln, meine Eltern trennten sich. Mit 17 Jahren starb meine geliebte Großmutter, sie war eine wertvolle Bezugsperson für mich. Obwohl sie auch eine Zeugin Jehovas war, galt sie wohl in Augen vieler als abtrünnig oder zumindest mit Vorsicht zu genießen. Auch sie erlebte viele Enttäuschungen innerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas und wir tauschten uns oft darüber aus, was mich wohl auch dazu bewog, irgendwann zu gehen, wenn ich mich stark genug fühlen würde.

5. Bist du von Ächtung betroffen? Wenn ja, in welchem Ausmaß?

Mittlerweile kann ich schon von Ächtung sprechen. Als ich 2008 die Gemeinschaft verließ, hatte ich noch regen, teilweise täglichen Kontakt zu meiner Familie. Da interessierte mich dieses Thema auch nicht weiter. Man lebte frei nach dem Motto Leben und Leben lassen.
Dies änderte sich dann aber schlagartig zu dem Zeitpunkt, als ich mit Drillingen schwanger wurde. Plötzlich empfand man es als lästig, für mich und meine Sorgen da zu sein. Es wurde nun alles darangesetzt, uns als komplette Familie zum Glauben zurück zu holen und deshalb fing ich an, mich intensiv mit dem Glaubenskonstrukt der Zeugen Jehovas zu beschäftigen. Ich stoß auf diverse Widersprüche zu dem was wirklich in der Bibel steht und dem, was dort gelehrt wird. Ich war schockiert und wollte natürlich darüber sprechen, aber ich merkte schnell, damit schieße ich mich nur selber ins Aus, weil diese Menschen dort darauf trainiert sind, einem nicht zuzuhören und jegliche Diskussion sofort im Keim zu ersticken. Weil mein Mann und ich zudem nicht wollten, dass unsere Kinder einem zu großen Einfluss durch meine Familie ausgesetzt werden, haben wir von unserer Seite auch nun unseren Frieden gefunden. Und so lebt jeder jetzt wie er es möchte. Der Preis ist zwar hoch, aber mich wieder in ein geistiges Gefängnis einsperren lassen nur um meine Familie zurück zu bekommen bzw. Kontakt zu halten, das wäre ein fauler Kompromiss. Meine Tür steht aber immer offen für meine Familie, wenn sie meine Hilfe möchten und auch aussteigen wollen.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Mir geht es heute gut. Klar vermisse ich oft die Vorstellung, eine Familie zu haben, die stolz auf einen ist und mich so liebt wie ich bin, aber dieses Schicksal haben auch viele andere Familien zu tragen, die nicht zu Zeugen Jehovas gehören. Je eher man lernt das so zu akzeptieren, umso besser kann man damit leben und sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Hier und Jetzt fokussieren. Z.B. meine eigene Familie, für die ich sehr dankbar bin!

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Ich möchte nicht alles schlecht reden, es gab auch schöne Momente und es ist auch nicht schlecht, wenn man konservativ mit klaren Regeln und Strukturen erzogen wird. Das ist ein Teil von mir und wird es auch immer bleiben. Ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin ohne diese Erfahrung bei den Zeugen Jehovas und durch meine Kinder erlebe ich quasi oft ein Stück Kindheit zurück. Ich freue mich für sie, dass sie in geistiger Freiheit aufwachsen können und die Gewissheit haben können: Mama und Papa sind immer für mich da und lieben mich, auch wenn ich mich mal nicht so verhalte wie sie es möchten, oder wenn ich einen anderen Weg gehen will, als sie es für mich wünschen würden.

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Hinterfragt weiterhin alles, glaubt nicht blind Dinge, die euch gesagt werden. Forscht selbst nach und holt euch eine sehr nah am Urtext übersetzte Bibel. Da sieht man dann leider auch recht schnell, an welchen Stellen die NWÜ der Zeugen Jehovas verfälscht worden ist. Nehmt lieber etwas Geld in die Hand und holt euch eine Interlinearübersetzung des Neuen Testaments mit dem griechischen Urtext um zu vergleichen, an welchen entscheidenden Stellen die Bibel der Zeugen Jehovas bewusst falsch übersetzt und den eigenen Lehren angepasst wurde.