Wachtturm-Opfer-Gedenktag 2026

Stimmen außerhalb des Wachtturms: Nachfahren verfolgter Bibelforscher berichten

Neuer Beitrag vom 10.08.2026
Ein Mahnmal – verschiedene Perspektiven zur Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus

Neuer Beitrag vom 02.08.2026
„Das Unrecht an meinem Großvater war stets eingebettet in den Kampf zwischen Gut und Böse“ – Nachfahren verfolgter Bibelforscher berichten

Neuer Beitrag vom 30.07.2026
„Ich hatte damit zu leben, ein Angezählter zu sein“ – Nachfahren verfolgter Bibelforscher berichten


26.07.2026

Viele Nachkommen der verfolgten Bibelforscher haben nichts mit der Wachtturm-Organisation zu tun. Dennoch reklamieren die Zeugen Jehovas das Gedenken der Verfolgten für sich. Bei JZ Help kommen Nachfahren der Verfolgten zu Wort, die keine Zeugen Jehovas (mehr) sind. Auftakt dafür ist der Wachtturm-Opfer-Gedenktag, der jährlich am 26. Juli begangen wird und anlässlich dessen der Opfer der Wachtturm-Organisation gedacht wird.

Die Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus hat Familien traumatisiert und über Generationen geprägt. Viele dieser Nachkommen gehören heute nicht (mehr) zur Wachtturm-Organisation, eine Nachfolgeorganisation der Bibelforscher. Das hat damit zu tun, dass nur rund ein Drittel der Kinder von Zeugen Jehovas den Glauben der Eltern übernimmt. Es ist aber auch eine Folge davon, dass sich die Organisation selbst nach dem zweiten Weltkrieg stark verändert hat.

Viele Nachkommen außerhalb der Wachtturm-Organisation

So verließen manche die Zeugen Jehovas in der (späten) Nachkriegszeit, als die Wachtturm-Organisation immer rigider wurde mit dem Bluttransfusionsverbot, der Ächtung von Ausgeschlossenen oder der Ablehnung höherer Bildung. Andere gingen nach 1975, weil der vorausgesagte Weltuntergang nicht eingetroffen war, oder nach 1981, als die Ächtung auch auf Menschen ausgeweitet wurde, welche die Organisation freiwillig verließen. Verschiedene Ehemalige berichten, dass die Mai-Ausgabe 1994 des Erwachet! den Ausschlag für ihren Ausstieg gab: Auf dem Cover prangen die Gesichter von 23 Kindern und Jugendlichen, die infolge des „Blutverbots“ verstorben seien – die Organisation verherrlichte Kinder-Märtyrer.

Zeugen Jehovas - Tode durch Blutverbot für Kinder
Todesopfer unter Kindern durch das Blutverbot –
Mai-Ausgabe 1994 der Zeitschrift Erwachet!

Wieder andere kehrten der Wachtturm-Organisation den Rücken, als nach der Jahrtausendwende immer deutlicher wurde, wie verbreitet sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist und wie systematisch die Organisation diese vertuscht hatte. Häufig verließen und verlassen Menschen die Zeugen Jehovas als junge Erwachsene, weil sie sich in jemand außerhalb des Glaubens verlieben oder es für ihre Lebensentwürfe keinen Platz in der engen Gemeinschaft gibt, s. dazu die Rubrik ÜberLebenswege.

Doppelte Traumatisierung durch Verfolgung und Ausschluss

Ob Nachkommen von Verfolgten die Wachtturm-Organisation verlassen haben oder nicht – die Verfolgung durch die Nazis hatte Auswirkungen auf Kinder und Kindeskinder. Sie ist Teil der Familiengeschichte und der persönlichen Geschichte aller Nachkommen. Für manche dieser Nachfahren kommt jedoch zum familiären Trauma der Verfolgung zusätzlich das Trauma des Ausschlusses hinzu. Dieses hat nicht nur den Verlust von Familie und Freunden und damit sozialer Zugehörigkeit zur Folge, sondern auch den Verlust von kultureller Zugehörigkeit und Kontinuität. Durch Ausschluss verliert eine Zeugin Jehovas die einzige soziale und kulturelle Teilhabe, die ihr erlaubt ist. Jede darüber hinausreichende, weiter gefasste gesellschaftliche Zugehörigkeit sollen Zeugen Jehovas strikt meiden, um kein „Teil der Welt“ zu sein: weder politisch, zivilgesellschaftlich noch beruflich.

Ausgeschlossene werden deshalb nicht nur von der eigenen Familie und Gemeinschaft, sondern auch von ihrer Herkunft abgeschnitten. Mit dem Ausschluss aus der Organisation werden sie aus dem kollektiven Gedächtnis der Gemeinschaft und ihrer eigenen Geschichte ausgestanzt. Umgekehrt gibt es auch in der Organisation für die „aus der Gemeinschaft Entfernten“ kein Erinnern, kein kollektives Trauern, es ist, als hätte es sie nie gegeben. Der Umgang mit diesen Verlusten ist eine private, individuelle Aufgabe einer und eines jeden Gläubigen. Die Zeugen Jehovas sind eine Gemeinschaft von Leerstellen, es ist als stünde links und rechts neben jedem Zeugen der Schattenriss eines Ausgeschlossenen.

Verfolgte Bibelforscher im Nationalsozialismus und ihre Repräsentation

Im Nationalsozialismus wurden 4200 Frauen und Männer der Bibelforscher in Konzentrationslagern inhaftiert, bis zu 1800 kamen ums Leben. In einer späten Würdigung dieser Opfer wurde im Juni 2026 ein Mahnmal eingeweiht. Die heutige Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen in Deutschland (RJZiD) erhebt den Anspruch, diese Opfer zu repräsentieren. Allerdings unterscheidet sie sich stark von den damaligen Bibelforschern. Viele der damals Verfolgten riskierten ihr Leben für die Werte unantastbarer Menschenrechte – wogegen Praktiken wie Überwachung, Denunziation, Ausschluss und Kontaktverbot deutlich machen, dass der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen das Konzept uneingeschränkter Menschenwürde fehlt. Dazu kommt, dass viele Nachfahren der Verfolgten nicht Teil der Wachtturm-Organisation sind.

Verfolgungsberichte aus der NS-Zeit als Blaupause für das Weltende

Wie das auch bei anderen sektenhaften und gewaltvollen Organisationen der Fall ist, ist die Wachtturm-Organisation nicht für die Menschen da, sondern umgekehrt. Dabei sind Menschen lediglich Figuren, ihr einziger Zweck ist ihr Einsatz im epischen Kampf zwischen Gut und Böse. So gibt es in der Wachtturm-Literatur zahllose Berichte zu verfolgten Bibelforschern während der Nazi-Diktatur, siehe zum Beispiel das Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, Deutschland Teil 2. Kurz vor dem prognostizierten Weltende von 1975 wurden die Gräuel der Verfolgung etwa im Text „Vierkant“ im Detail dargestellt, während die Opfer als reale Menschen aus ihrer eigenen Geschichte gedrängt werden: Sie werden auf die Märtyrer-Rolle reduziert oder als Kollektiv der „standhaften Brüder“ behandelt, nicht einen Moment lang treten sie als Persönlichkeiten in den Blick. Es wird sogar moralisch bewertet, dass der hingerichtete August Dickmann zunächst eine Erklärung (zur Abkehr von seinem Glauben) unterschrieben hatte, die womöglich sein Leben gerettet hätte.

In vielen Berichten über die verfolgten Bibelforscher wird das NS-Regime als eine Art Vorschau auf das Ende der Welt interpretiert. Den Mitgliedern wird vermittelt, dass die Brutalität der Nationalsozialisten ein irdisches Abbild dessen war, was die gesamte Menschheit in der sogenannten „Großen Drangsal“, der Phase unmittelbar vor Armageddon, durch die Hand weltlicher Regierungen erwarten wird. Anstatt der Opfer zu gedenken und sie zu würdigen, anstatt die Wunden der Nachfahren heilen zu lassen, nutzt die Wachtturm-Organisation diese realen Traumata systematisch, um ein System der Angst, der totalen Loyalität und des Gehorsams aufrechtzuerhalten.

Gedenken als Anerkennung der Menschenrechte und der menschlichen Würde

Das historische Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hat zum Ziel, an das begangene Unrecht zu erinnern, den Opfern ihre Würde zurückzugeben und durch die Lehren aus der Geschichte Menschenwürde und Demokratie in der Gegenwart zu sichern. Ein glaubwürdiges Gedenken soll den Opfern ihre Individualität, ihre Geschichte und ihre Namen zurückgeben. Dabei ist Gedenkarbeit untrennbar mit historischer Aufrichtigkeit und einer unvoreingenommenen Wahrheitsfindung verbunden. Gedenkarbeit soll auch alle Menschen einschließen, die von einem Unrecht betroffen waren, in diesem Falle alle Nachkommen der verfolgten Bibelforscher. Und immer erfordert ein glaubwürdiges Gedenken für die Opfer einer Diktatur die bedingungslose Anerkennung der Menschenrechte und der menschlichen Würde im Hier und Jetzt.

Heute beansprucht die Wachtturm-Organisation das Erinnern und das Gedenken an die verfolgten Bibelforscher im Nationalsozialismus. Eine Organisation also, welche die Grund- und Menschenrechte ihrer (ehemaligen) Mitglieder verletzt. Eine Organisation, die Kinder-Märtyrer verherrlicht und das Leid der verfolgten Bibelforscher seit Jahrzehnten propagandistisch ausschlachtet. Eine Organisation, die Hunderttausende aus ihrer Mitte und ihrer Erinnerung tilgt, sich ein Jahr nach prognostiziertem Weltende nicht mehr an die eigenen Untergangsprognosen erinnert und ihr eigenes Gedächtnis an Kindesmissbrauch in großem Stil löscht. Eine solche Organisation mit derart vielen Lücken in ihren Reihen und ihrer Erinnerung, hat keine Legitimation, an die verfolgten Bibelforscher zu erinnern oder ihre Nachkommen zu repräsentieren.

Bist du Nachkomme verfolgter Bibelforscher? Melde dich bei aktion(at)jz.help!

JZ Help sammelt Berichte von Nachkommen verfolgter Bibelforscher außerhalb der Wachtturm-Organisation. Wir möchten damit all jene Frauen und Männer, die unter der Nazidiktatur verfolgt wurden, als Menschen ehren und die Einzigartigkeit ihrer Geschichte würdigen. Gleichzeitig möchten wir den vielen Nachfahren außerhalb der Wachtturm-Organisation, die heute kaum gehört werden, eine Stimme geben. Bitte melde dich unter aktion(at)jz.help!


Ich hatte damit zu leben, ein Angezählter zu sein“Bericht von Vereinsmitglied A., Enkel verfolgter Bibelforscher


Übersicht Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus