Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus

Dr. Tim Müller, Historiker und Sachverständiger zur Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus

Historisch bedeutend – doch wer darf erinnern?

Am 4. September 2025 fand in Berlin eine Podiumsdiskussion der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur statt (Übersicht, Original-Aufzeichnung, wichtige Ausschnitte).

Dr. Tim Müller, Historiker und Sachverständiger zur Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus - wegweisende Auszüge aus seiner Rede im Video
Dr. Tim Müller, Historiker und Sachverständiger zur Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus – wegweisende Auszüge aus seiner Rede im Video (hier klicken)

Einer der Gäste war der Historiker Dr. Tim Müller. Er sprach über die doppelte Verfolgung der Bibelforscher und der Zeugen Jehovas – zuerst im Nationalsozialismus, später in der DDR.

Im Nationalsozialismus wurden 4200 Bibelforscher in Konzentrationslagern inhaftiert, bis zu 1800 kamen ums Leben. Nach dem Krieg wurden die Zeugen Jehovas in der DDR ab 1950 verboten und erneut verfolgt: Erneut wurden Tausende Gläubige verhaftet, manche verloren auch hier ihr Leben. In einer späten Würdigung dieser Opfer soll im Juni 2026 ein Mahnmal eingeweiht werden. 
Doch wer soll die Opfer repräsentieren? Die heutige Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen in Deutschland (RJZiD) erhebt diesen Anspruch – unterscheidet sich aber stark von den damaligen Bibelforschern. Viele der damals Verfolgten riskierten ihr Leben für die Werte unantastbarer Menschenrechte – wogegen Praktiken wie Überwachung, Denunziation, Ausschluss und Kontaktverbot deutlich machen, dass der Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen das Konzept uneingeschränkter Menschenwürde fehlt. Müller spricht von einer «Opfergruppe ohne legitime kollektive Vertretung». Sein Appell: Wir als Gesellschaft müssen die Geschichten dieser Opfer in ihrer Einzigartigkeit bewahren.

Verfolgung im Nationalsozialismus

Die Bibelforscher, aus denen die Zeugen Jehovas später hervorgingen, widersetzten sich dem NS-Regime und wurden deshalb verfolgt. Sie verweigerten den Hitlergruß, den Kriegsdienst und die Teilnahme an Wahlen. Für viele war dies eine Frage des Glaubens und des Gewissens: Töten war mit den Zehn Geboten nicht vereinbar. Manche der Bibelforscher zeigten Solidarität mit anderen Verfolgten wie Juden, Sinti und Roma oder Homosexuellen. Rund 14.000 Menschen erfuhren Verfolgung, 4.200 kamen in Konzentrationslager, bis zu 1.800 wurden hingerichtet, etwa 300 wegen Kriegsdienstverweigerung. 
Diese Verfolgungsgeschichte ist historisch bedeutend und gesellschaftlich erinnerungswürdig, so Müller. Dabei vertraten die verfolgten Bibelforscher Werte, die man heute als universelle Menschenrechte beschreiben würde. Diese standen teilweise im Gegensatz zur damaligen Leitung der Zeugen Jehovas. So verharmloste diese in der „Wilmersdorfer Erklärung“ von 1933 die Gewalt gegen jüdische Menschen als «Übertreibung jüdisch-amerikanischer Propaganda».

Verfolgung in der DDR

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging für viele Zeugen Jehovas in der DDR die Verfolgung durch die sowjetischen Militärbehörden und die DDR-Staatsführung weiter. Gründe waren ähnlich wie zuvor: Zeugen Jehovas verweigerten Wahlen, lehnten den Wehrdienst ab – auch den waffenlosen Dienst nach 1964 – und hielten Abstand zu staatlichen Organisationen. Im Jahr 1950 wurden die Zeugen Jehovas verboten, es kam zu Massenverhaftungen: Zwischen 1945 und 1989 wurden mehr als 6.000 Zerugen Jehovas verhaftet. Den Zahlen des Archivs der Zeugen Jehovas zufolge wurden 681 Zeugen Jehovas sowohl im Nationalsozialismus als auch im Kommunismus verfolgt, 451 von ihnen kamen in Haft, 27 Männer und fünf Frauen die zuvor bereits Opfer des Nationalsozialismus geworden waren, verloren im Zusammenhang mit dieser Verfolgung ihr Leben. In der Folge der Repression verloren die NS-Opfer ausserdem ihren Status als «Opfer des Faschismus». Die Verfolgungsmaßnahmen nahmen ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ab und konzentrierten sich später auf Überwachung und innere Zersetzung sowie die Verfolgung von Wehrdienstverweigerern.

Erinnerung ohne klare Vertretung

Nach 1945 begann sich die Struktur der Zeugen Jehovas zu ändern. Die US-Zentrale ordnete die Organisation neu und führte ab 1952 Ausschlussverfahren ein, die Familien auseinanderrissen. Die Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen entwickelte sich zu einer geschlossenen und ausschliessenden Organisation. Die Praxis der Ausschlussverfahren wurde im Jahr 1981 noch einmal verschärft, wodurch sich das System im Laufe der Zeit radikalisierte und in Richtung einer totalitären Organisation entwickelte. Diese Praktiken der heutigen Organisation kollidieren mit dem Konzept uneingeschränkter Menschenwürde. Das zeigt sich auch im Umgang mit Überlebenden, die kritisch wurden. So wurde der ehemalige KZ-Häftling Bruno Knöller ausgeschlossen und isoliert. 

Müller spricht einer «Opfergruppe ohne legitime kollektive Vertretung»: Es gibt keine einzelne Organisation oder Körperschaft, die als rechtmäßige und durchgängige Stimme für alle historischen Opfer dieser Gruppe agieren kann. 
Darum, so Müller, liege die Verantwortung heute bei uns allen: Gesellschaft, Forschung, Bildung und Medien müssen die Erinnerung wachhalten. Dabei sollen die individuellen Geschichten der Frauen und Männer, die während des NS-Regimes und in der DDR verfolgt wurden, gewürdigt werden.