Das Dilemma um das Mahnmal für verfolgte Bibelforscher
Ein Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas bzw. Bibelforscher wurde am 24. Juni 2026 im Berliner Tiergarten eingeweiht. Es ist wichtig und richtig, dass dieser Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird. Bedenklich ist jedoch, dass die Hoheit über die Erinnerungskultur an eine Organisation übertragen wurde, die Grund- und Menschenrechte verletzt und einen Großteil der Nachkommen der Opfer von diesem Erinnern ausschließt.
Darauf machen zwei prominente Stimmen aufmerksam: Die Schriftstellerin Stefanie de Velasco fragt im Spiegel, wie man Opfern gedenken soll, die auch Täter:innen sind. In der FAZ weist der Historiker Tim Müller darauf hin, dass es sich bei den von den Nazis verfolgten Bibelforschern um eine Opfergruppe ohne legitime Vertretung handelt. Eine Zusammenfassung der beiden Artikel findet sich unten.
Nur Minderheit der Nachkommen vertreten
Viele Menschen, welche die Organisation der Zeugen Jehovas verlassen, tun dies, weil sie sich in ihren Grund- und Menschenrechten beschnitten sehen. Sie wollen keine Auskunft über ihr Sexualleben geben, wollen nicht auf eine lebensrettende Bluttransfusion verzichten, stören sich an der Diskriminierung von Frauen und queeren Menschen oder der systematischen schweren Verängstigung von Kindern. Oder sie verstehen politische und gesellschaftliche Partizipation als Grundrecht einer und eines jeden. Ein Großteil dieser Menschen, welche die Organisation verlassen haben, erleben in der Folge weitere Verletzungen ihrer Grund- und Menschenrechte, weil sie geächtet werden: Ihre Eltern, Kinder, Partner:innen und Geschwister brechen den Kontakt zu ihnen ab. Es gibt kaum Schlimmeres, was Menschen widerfahren kann.
Obwohl die Folgen so gravierend sind, verlassen wohl mehr Menschen die Zeugen Jehovas als in der Organisation verbleiben. Erhebungen aus den USA zur sog. Retention Rate, der Übernahmequote des Glaubens, zeigen, dass in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas nur ein Drittel der Kinder den Glauben der Eltern übernimmt und zwei Drittel die Gemeinschaft verlassen. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Zahlen in Europa vergleichbar sind. Das bedeutet, dass es heute vermutlich mehr Nachkommen von verfolgten Bibelforschern außerhalb der Organisation der Zeugen Jehovas gibt als innerhalb. Darauf weist Tim Müller in seinem Artikel hin.
Opfer vertreten durch Organisation, die Menschenrechte missachtet
Manche der heute Ausgeschlossenen haben Eltern, Groß- und Urgroßeltern, die als Bibelforscher von den Nazis verfolgt wurden: Weil sie den Kriegsdienst verweigerten oder den Hitlergruß, aber auch, weil sie für Menschenrechte einstanden. Diese Nachkommen der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung waren nicht zur Einweihung der Gedenkstätte für ihre Vorfahren geladen. Vielmehr wurden die Opfer durch eine Organisation vertreten, welche die Grund- und Menschenrechte ihrer (ehemaligen) Mitglieder verletzt, worauf Stefanie de Velasco im Spiegel-Artikel hinweist. Dazu kommt, dass die Organisation, welche die Opfer vertritt, in Struktur und Doktrin nur noch wenig mit den Bibelforschern zu tun hat, so Tim Müller in der FAZ.
Zur Einweihung des Mahnmals waren die religiösen Kader geladen, die dafür sorgen, dass grund- und menschenrechtsverletzende Vorgaben um- und durchgesetzt werden: Dass Mitglieder des Krankenhaus-Verbindungskomitees bei einer Gebärenden solche Angst vor einer Bluttransfusion schüren, dass sie diese ablehnt, selbst wenn sie dabei sterben sollte. Dass die Ältesten Eltern unter Druck setzen, den Kontakt zum ausgeschlossenen Sohn abzubrechen. Oder der geschiedenen Frau klarmachen, dass sie weder heiraten noch eine intime Beziehung eingehen darf, weil dem Ex-Mann kein Ehebruch nachgewiesen werden kann. Eingeladen waren auch alle „legitimen“ Nachkommen von den durch die Nazis Verfolgten, nämlich Mitglieder der Organisation: Eltern, die ihren Kindern die „Kein-Blut“-Karte um den Hals hängen. Ehepartnerinnen, welche den gemeinsamen Kinder erklären, der Partner, der die Gemeinschaft verlassen hat, hasse Jehova und werde deshalb bald qualvoll sterben. Und Kinder, welche die Anrufe ihrer Eltern, die längst Großeltern sind, seit Jahren „standhaft“ ablehnen.
Die Demokratie achtet die Würde des einzelnen Menschen
Die Einweihung des bronzenen Denkmals des Künstlers Matthias Leeck, selber Zeuge Jehovas, fand unter Anwesenheit höchster Vertreter:innen der Bundesregierung statt: Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer weihte die Skulptur als Symbol für Empathie und religiöse Toleranz ein. Die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hielt die Eröffnungsrede, in der sie den Widerstand der Glaubensgemeinschaft würdigte. Dabei deutete sie am Ende ihrer Rede die schwierige Situation bezüglich der Repräsentanz der Opfer durch die Wachtturm-Organisation an:
„… Mit diesem Denkmal setzen wir auch ein Zeichen für unsere Erinnerungskultur: Wir schulden allen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, ein würdiges Gedenken.
Die Lebenswege der Verfolgten und ihrer Angehörigen waren unterschiedlich. Manche blieben ihrer Glaubensgemeinschaft verbunden. Andere gingen neue Wege. Unser Gedenken umfasst sie alle.
In einigen Staaten – von Russland bis Eritrea – werden die Zeugen Jehovas noch heute unterdrückt.
In Deutschland schützt das Grundgesetz die Freiheit des Glaubens, der Weltanschauung und des Gewissens.
Es schützt religiöse Minderheiten. Gerade auch Minderheiten, deren Überzeugungen vielen fremd sind.
Und es schützt ebenso die Freiheit, einer Religionsgemeinschaft nicht anzugehören, sie zu verlassen oder sie zu kritisieren.
Das unterscheidet die Demokratie von der Diktatur.
Die Demokratie achtet die Würde des einzelnen Menschen. Sie schützt die Freiheit der Überzeugung. Und sie schützt die Freiheit, anders zu sein.
Das nie zu vergessen, auch dafür steht dieses Denkmal.
Vielen Dank.“
Die Verfolgung prägte Generationen
Die Verfolgung von Angehörigen durch die Nazis prägte betroffene Familien und ihre einzelnen Mitglieder über Generationen. Es gab Verfolgte, die später innerhalb der Zeugen Jehovas bitter enttäuscht wurden, weil sie ihr Opfer für den Glauben durch die Organisation verraten sahen. Für manche Kinder bedeutete die Ermordung der Eltern, dass sie ohne Mutter oder Vater aufwuchsen in der prekären Zeit während und nach dem Krieg. Und gegen viele der später aus der Organisation der Zeugen Jehovas Ausgestiegenen wurde die Verfolgung ihrer Vorfahren gegen jede Kritik an der Organisation ins Feld geführt. Die Standhaftigkeit, welche das Mahnmal symbolisieren soll, bedeutete für sie, Grund- und Menschenrechtsverletzungen als Teil der Religion zu akzeptieren.
Es ist aber insbesondere die Instrumentalisierung der Opfer durch die Wachtturm-Organisation, die Generationen von Kindern und Jugendlichen prägte. In zahllosen Publikationen und filmischen Beiträgen wurde die Verfolgung von Bibelforschern während der Nazi-Herrschaft herangezogen, um bedingungslosen Gehorsam zu propagieren, s. dazu den nachfolgenden Artikel.
Dass der Opfer der Verfolgung durch die Nazis gedacht werden soll, steht außer Frage. Aber wäre es nicht Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass alle Nachkommen der Opfer in das Gedenken eingeschlossen werden? Und dass tatsächlich die Würde aller Menschen, auch die Würde (ehemaliger) Mitglieder der Zeugen Jehovas geachtet wird?
Essay aus SPIEGEL Plus vom 24. Juni 2026 (hinter Bezahlschranke)
Der Essay aus SPIEGEL Plus reflektiert die Einweihung des Mahnmals in Berlin für die im Nationalsozialismus verfolgten Zeugen Jehovas aus der Perspektive einer Aussteigerin. Die Autorin hinterfragt das zugrundeliegende Gedenkkonzept kritisch. Zwar bezweifelt sie die historische Legitimität des Gedenkens für das NS-Unrecht nicht, sieht sich jedoch mit dem schmerzhaften Dilemma konfrontiert, wie einer Opfergruppe gedacht werden soll, die durch ihre heutigen, sektenartigen Strukturen selbst unzählige Opfer hervorbringt.
In ihrem persönlichen Bericht beschreibt die Autorin, wie die Zeugen Jehovas nicht nur das Leben ihrer Mutter, der Tochter eines spanischen Dissidenten, der aus der Franco-Diktatur flüchtete, sondern auch ihre eigene Kindheit prägten. Für die Autorin bedeutete das Aufwachsen in dieser Gemeinschaft ein Leben in ständiger Todesangst vor der prophezeiten Apokalypse. Sie litt unter sozialer Isolation, durfte an keinen normalen Feierlichkeiten teilnehmen und erlebte körperliche Züchtigung. Besonders prägend war ein Ausweis, den sie um den Hals tragen musste und der Ärztinnen und Ärzten im Falle eines Unfalls eine lebensrettende Bluttransfusion verbot. Die Grausamkeit des Systems wird auch deutlich in der Erzählung vom gemeinsamen Predigtdienst mit einem schwulen jungen Mann, der sich später das Leben nahm. Erst nach ihrem eigenen Ausstieg erkannte die Autorin das volle Ausmaß der psychischen Folgen durch das Aufwachsen in der Religionsgemeinschaft und die Ächtung. Wer die Gemeinschaft verlassen will, wird mit einem rigorosen Kontaktabbruch durch alle Freunde und Verwandten bestraft – viele Ausgestiegene zerbrechen daran.
De Velasco kritisiert, dass die Bronzeskulptur im Tiergarten laut dem Künstler, der selbst Zeuge Jehovas ist, die Standhaftigkeit und den heroischen Widerstand der Verfolgten feiert. Die NS-Opfergeschichten dienen in der Gemeinschaft als moralische Fabeln, um von den Mitgliedern die Bereitschaft einzufordern, für die Religion in den Tod zu gehen. Mit Hannah Arendt zieht die Autorin Parallelen zu totalitären Bewegungen, die den Tod des Einzelnen sinnstiftend inszenieren. Sie spricht sich gegen ein Denkmal aus, das die offizielle PR und Ideologie einer autoritären Sekte bedient, und wünscht sich stattdessen einen Gedenkort, der das individuelle, unfreiwillige Leiden der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt stellt.
FAZ-Artikel vom 23. Juni 2026 in der FAZ
Die Eröffnung des Berliner Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten „Bibelforscher“ – heute bekannt als Zeugen Jehovas – stellt die deutsche Gedenkpolitik vor ein Dilemma. Das Gedenken an die rund 1.800 Ermordeten und die zahlreichen Kriegsdienstverweigerer historisch absolut geboten, doch die Gestaltung der Erinnerung erweist sich als hochproblematisch. Der Historiker Tim B. Müller kritisiert, dass der Staat der heutigen Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas die alleinige Deutungshoheit überlässt.
„Die Politik hat es hier mit einer anderen Gruppe von Verfolgten zu tun als bei jedem
Denkmal bisher: einer Gruppe von Verfolgten ohne legitime Vertretung“, so Müller. Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas könne das nicht sein. Die Organisation blende in ihrer selektiven Selbstdarstellung all jene Opfer aus, die sich später von der Gruppe abwandten oder anderen Splittergruppen angehörten. Zudem unterscheidet sich die heutige, nach 1945 in den USA geformte Wachtturm-Gesellschaft in ihren starren Hierarchien und Verhaltensregeln drastisch von den damaligen Verfolgten.
Schwerwiegend ist auch der Konflikt mit demokratischen Werten: Bei den offiziellen Feierlichkeiten und auf staatlich geförderten Websites wird eine Organisation hofiert und verlinkt, deren offizielle Schriften homophobe, frauenfeindliche und extrem autoritäre und staatsfeindliche Positionen vertreten, welche die im Grundgesetz garantierten Menschenwürde unterlaufen. Um eine solche Instrumentalisierung der Erinnerungskultur durch eine Gruppe zu verhindern, fordert Müller, das Gedenken – ähnlich wie beim kommunistischen Widerstand – pluralistisch zu gestalten. Nicht eine problematische Organisation, sondern Nachkommen der Verfolgten, auch solche außerhalb der Organisation, sollten die Geschichten der Opfer in ihrer ganzen, individuellen Vielfalt erzählen dürfen.
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Übersicht – Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus

