ÜberLebenswege – Vanessa S. aus B.

Vanessa S. aus B.
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen? 

Ich bin hineingeboren. 


2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?
Womit hattest du am meisten zu kämpfen?

Zu unterschiedlichen Lebensabschnitten sehr anders. Mit der Einschulung habe ich feststellen müssen, dass es nicht nur anders ist, als ZJ zu leben, sondern das man selbst „anders“ ist und auch so wahrgenommen wird. Mir hat es weh getan, wenige oder kaum (richtige) Freunde zu haben. In der Schule (vor allem über die Grundschule hinaus), war ich Vorurteilen ausgesetzt und hatte große Angst, mich offenbaren zu müssen. Mit dem älter werden wurden die meisten Dinge schlimmer. Vor allem das Gefühl, wirklich „kein Teil der Welt“ zu sein. Die Rolle der Außenseiterin war hart. 


3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?
Gab es ein ausschlaggebendes Ereignis?

Eine Freundin, selbst Zeugin, wurde von ihrer Mutter misshandelt. Ihr Vater hatte einen hohen Posten bei den ZJ. Niemand hat etwas dagegen getan. Ich habe versucht mich einzusetzen, aber wir sind gescheitert. Ich fragte mich, wie das geschehen kann. Dass andere Bescheid wissen, aber niemand etwas tut. Dass ich etwas sage, aber nur zu hören bekomme, dass das, was ich sage, „eine schwere Anschuldigung“ sei. Das war der Hauptgrund, warum ich ins Zweifeln gekommen bin. Ich schrieb den Ältesten meiner Versammlung einen Brief, in dem ich mitteilte, keine Zeugin mehr sein zu wollen und um Exkommunikation bat.


4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert? 
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Der Glaube war lange Zeit mein Fundament, auf das ich sehr vieles, wenn damals nicht sogar alles aufgebaut habe. Er war mir Trost und Halt. Mein Anker. Vor allem in meinen Stunden der Einsamkeit. Ich war überzeugt, dass ich irgendwann einmal ‚entschädigt‘ werde. Dass Jehova meine Tränen wegwischt. Aber vieles konnte ich am Ende nicht mehr verstehen. Wo war die Liebe, von der die ZJ so häufig sprachen? Wie konnte es sein, dass ein liebevoller Gott so gegen alles ist, was anders ist? Wie konnten die ZJ so unehrlich sein? Ich erkannte mehr und mehr Widersprüche und mein Fundament begann zu bröckeln. Danach habe ich selbst am Abriss gearbeitet.


5. Bist du von Ächtung betroffen? Wenn ja, in welchem Ausmaß?
Welche Menschen hast du durch dein Verlassen der Organisation verloren? Wie wirkt sich das aus?

Ich habe den sporadischen Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen. Es gab, als wir ihn hielten, kaum Themen die wir besprechen konnten (Wie geht es den Haustieren, Wie läuft dein Studium?). Alles andere konnte nicht angesprochen werden. Schnell wurde deutlich, dass ich nur enttäusche. Eine Enttäuschung bin. Ganz ähnlich hat es meine Mutter ausgedrückt. Auch, dass sie sich über dieses oder jenes nicht freuen könne. Das hat, damals in meinen 20ern einfach sehr weh getan. Sie sagte mir, dass sie Jehova mehr liebe und auf ihn höre. Es hat unendlich weh getan und dieser Schmerz wirft auch heute noch seine Schatten. Ich habe eine Familie und doch habe ich keine. Denn sie ist emotional unerreichbar für mich. Obwohl meine Mutter, mein Vater und meine Schwester leben weiß ich nichts über sie. Es ist, als wäre ein Teil deines eigenen Körpers zwar da, aber irgendwie taub.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?
Spielen z.B. Ängste eine Rolle?

Sehr viel besser! Ich darf erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen bedingungslos hinter einem stehen. Ich darfLiebe erfahren, die nicht an Jehova geknüpft ist. Da ist viel Licht, aber auch noch so mancher Schatten. Angst, Scham und Schuld tauchen manchmal auf, in Situationen, in denen ich gar nicht damit gerechent hätte. Noch immer vermisse ich meine Familie und habe die utopische Hoffnung, sie würde mich trotz allem lieben, so wie ich bin, mit meinen Entscheidungen. Trotzdem. Nicht obwohl. Manchmal habe ich Angst, dass das, was ich tue nicht richtig ist und ich am Ende nicht glücklich bleiben kann. 


7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Ich hätte mich nicht taufen lassen sollen. Ich glaube, dass hätte einiges einfacher gemacht. Und manchmal wünschte ich, meine Familie wäre nie bei den ZJ gewesen, denn auch das hätte vieles anders gemacht. Manches habe ich verloren. Das, was gerne unbeschwert gewesen wäre. Aber letztlich hat mich all das auch zu der gemacht, die ich heute bin. Und ich weiß inzwischen: Ich bin doch etwas wert. Auch ohne Jehova. Auch ohne die Anerkennung und Liebe meiner Eltern.

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Das stellt meine Persönliche Meinung dar. Zweifel kommen nicht umsonst. Es ist wichtig, ihnen nachzugehen. Mache dir bewusst, dass du dich bei den ZJ meiner Meinung nach, nicht für einen Glauben, sondern für eine Organisationentscheidest. Diese bestimmt darüber, wer und wie du sein sollst. Was du denken, reden und fühlen sollst. Wen und wie du lieben darfst, wen du meiden musst. Wer wertvoll ist. Schlimmer noch, wer liebenswürdig ist. Wenn du ein eigenes Ich entwickeln willst – dann ist das bei den ZJ unmöglich.