ÜberLebenswege – LMB aus K.

LMB

1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?

Ich wurde in eine elitäre Familie innerhalb der Zeugen Jehovas hineingeboren. Die Organisation war von klein auf der Mittelpunkt meines gesamten Lebens. Meine Eltern, Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins sind alle bis heute Mitglieder. Durch die angesehene Stellung meiner Familie in der Gemeinde wurde mir der Glaube nicht nur als Wahrheit, sondern auch als einziger Weg vermittelt.
Mit 14 Jahren ließ ich mich taufen. Weniger aus eigener Überzeugung, sondern weil es als der erwartete und selbstverständliche Schritt galt.

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Mein Alltag in der Gemeinschaft war bis ins kleinste Detail von Regeln, Ängsten und Zwängen bestimmt. Es gab kaum einen Bereich meines Lebens, der nicht von Vorschriften beeinflusst wurde. Von scheinbar banalen Dingen wie der Frage, was ich anziehe oder mit wem ich spreche, bis hin zu lebensentscheidenden Fragen, wie der Ablehnung einer lebensrettenden Bluttransfusion. Am meisten zu kämpfen hatte ich mit der ständigen Angst, etwas falsch zu machen. Ich fürchtete nicht nur Gottes Strafe oder den Verlust meiner Familie und Freunde durch Ächtung, sondern auch die Konsequenzen, die vonseiten der Ältesten drohen konnten. Ihre Autorität und Macht über mein Leben haben mich stark eingeschüchtert. Dieser Druck und die allgegenwärtige Kontrolle ließen kaum Raum für eigene Entscheidungen oder freies Atmen.

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Mit 19 Jahren musste ich regelrecht von zu Hause fliehen. Kurz darauf wurde ich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Der Grund war, dass ich jemanden kennengelernt hatte, der nicht zu den Zeugen Jehovas gehörte. Eine Beziehung mit einem „weltlichen“ Partner war in der Organisation nicht erlaubt und so stand ich vor einer Entscheidung meinem Herzen zu folgen oder den strengen Regeln der Gemeinschaft treu zu bleiben. Ich habe mich für die Liebe und für mein eigenes Leben entschieden und damit gegen die Organisation. Es war keine moralische Verfehlung, sondern eine persönliche Entscheidung, die für mich selbstverständlich war, innerhalb der Zeugen Jehovas jedoch als schwerwiegendes Vergehen galt.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Ich wuchs in einer sehr elitären Familie innerhalb der Zeugen Jehovas auf. Mein Vater war das Oberhaupt der örtlichen Versammlung und ein in vielen Bezirken – teils sogar deutschlandweit – bekannter Vortragsredner. Auch mein Onkel war Ältester und viele in meiner Familie dienten als Pioniere. Unser Name war in der Organisation hoch angesehen, sodass ich dadurch schon früh im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Von mir wurde erwartet, ein makelloses Vorbild zu sein und die Regeln ohne Abweichung zu befolgen. Der Druck, diesem Bild gerecht zu werden, war enorm.
Während meiner Zeit in der Gemeinschaft begann ich, manches zu hinterfragen. Oft waren es Situationen, die sich für mich einfach nicht richtig anfühlten. Manche Erlebnisse, besonders in jungen Jahren, waren im Nachhinein betrachtet grenzüberschreitend und ungesund, auch wenn ich sie damals als „normal“ empfand. Erst mit einigem Abstand konnte ich erkennen, wie sehr diese Strukturen mein Denken und Fühlen geprägt haben und wie befreiend es ist, in einer Welt zu leben, in der eigene Entscheidungen und persönliche Grenzen respektiert werden.

5. Bist du von Ächtung betroffen?
a) Wenn ja, in welchem Ausmaß?

Ja, ich bin stark von Ächtung betroffen.
Mit meinem Ausschluss habe ich nicht nur meine gesamte Familie verloren, sondern auch alle Freunde und Bekannten aus meiner damaligen Welt. Mein gesamtes soziales Umfeld brach von einem Tag auf den anderen weg. Ich sehe meine beiden kleinen Schwestern nicht mehr, kann keine Erlebnisse oder Momente mit meiner Familie teilen und habe zu niemandem aus dieser Zeit noch Kontakt. Diese radikale Trennung hat mich emotional an meine Grenzen gebracht – es war eine der schwersten und dunkelsten Phasen meines Lebens.

b) Warum ächten dich diese Personen/Zeugen Jehovas?

Die Ächtung ist keine persönliche Entscheidung einzelner Mitglieder, sondern eine von oben klar angeordnete Maßnahme. Sie wird in nahezu allen Publikationen, in unzähligen Vorträgen und durch direkte Aufforderungen der Ältesten immer wieder betont. Mitglieder werden stetig daran erinnert, jeden Kontakt zu Ausgeschlossenen zu meiden und sie ermuntern sich gegenseitig, diese Haltung beizubehalten. Wer sich dem widersetzt, riskiert selbst massive Konsequenzen. So entsteht eine Atmosphäre, in der der Bruch nicht nur hingenommen, sondern aktiv gefördert wird.
Besonders schmerzhaft ist der Widerspruch zwischen der nach außen betonten „Liebe“ der Organisation und der inneren Realität. Während Nächstenliebe gepredigt wird, wird gleichzeitig gefordert, das eigene Kind, die eigene Schwester vollständig aus dem Leben zu streichen. Diese Praxis spaltet Familien und zerstört Beziehungen, die viele wertvolle Jahre hätten füllen können.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Heute geht es mir fantastisch! Ich könnte mir kein besseres Leben wünschen. Zum ersten Mal weiß ich wirklich, wer ich bin, und was dieses Leben zu bieten hat. Das Gefühl von Freiheit ist überwältigend, vor allem im Vergleich zu dem kontrollierten, eingeschränkten Leben, das ich früher geführt habe. Ich weiß heute, dass ich ein eigenständiger Mensch bin, dass ich selbst über mein Leben bestimme, niemandem Rechenschaft schuldig bin und niemand das Recht hat, mich in dieser Form zu kontrollieren.
Der Weg dorthin war allerdings nicht einfach. Nach meinem Weggang hatte ich zunächst mit starken Ängsten zu kämpfen. Ich musste lernen, dass vieles, wovor mir seit meiner Kindheit Angst gemacht wurde, in der Realität gar nicht existiert. Erst mit der Zeit begriff ich, dass viele der Ängste unbegründet waren und dass ich mich nicht verbiegen muss, um geliebt oder akzeptiert zu werden. Bei diesem Prozess waren meine Freunde eine unschätzbare Stütze. Sie wurden zu meiner Wahlfamilie und haben mir gezeigt, dass wahre Verbundenheit nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun hat.

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Meine Vergangenheit kann ich nicht ungeschehen machen und sie wird immer ein Teil von mir bleiben. Aber ich lasse nicht zu, dass sie mich auffrisst oder mich definiert. Stattdessen nehme ich sie bewusst in die Hand und wandle sie in etwas Positives.
Die Erfahrungen haben mich stark geprägt und mir deutlich gemacht, was ich in meinem Leben nicht möchte und ebenso, wie ich mein Leben führen will. Vor allem die Bedeutung von Freiheit ist mir heute wichtiger denn je: die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, ohne Kontrolle oder Zwang und das Leben in all seinen Möglichkeiten zu genießen.
Ich verdränge meine Vergangenheit nicht, sondern nutze sie als Antrieb. Gerade deshalb setze ich mich dafür ein, dass auch andere, die ähnliches erlebt haben, ihren Weg aus einem Leben unter Zwang finden hin zu einem selbstbestimmten, freien Leben.

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Mein Rat an Menschen, die sich für die Zeugen Jehovas interessieren oder bereits Mitglied sind und zweifeln:
Sprecht mit Menschen, die diesen Weg schon gegangen sind. Hört euch auch die Stimmen derer an, die nicht mehr Teil der Organisation sind und nehmt diese ernst. Nur so bekommt ihr ein vollständiges Bild. Das, was innerhalb der Gemeinschaft nach außen hin oft freundlich und harmonisch wirkt, zeigt eine ganz andere Seite, sobald man beginnt, kritisch zu denken oder nicht mehr strikt nach den Regeln zu leben.
Ich möchte euch ermutigen, euch selbst treu zu bleiben und eure persönliche Freiheit niemals für eine Organisation aufzugeben, die nur so lange „Liebe“ zeigt, wie man ihre Erwartungen erfüllt. Viele Menschen haben unter diesem System gelitten und die Bindung hält nur so lange, wie man bereit ist, sich völlig anzupassen. Euer Leben gehört euch und ihr habt das Recht, es frei und nach euren eigenen Überzeugungen zu gestalten.