ÜberLebenswege Debora J. aus Waldems

Debora
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen? 

Ich wurde reingeboren. Von Seiten meiner Mutter aus war ich sogar Zeugin Jehovas der zweiten Generation (sie war auch bereits reingeboren worden), mein Vater kam mit 14 Jahren zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder dazu.
Meine Eltern waren „Hardcore“-Zeugen: sie waren beide Mitarbeiter im Bethel (damals noch in Wiesbaden), wo sie sich kennenlernten. Da sie nach Heirat das Bethel verlassen mussten, haben sie sich ihren Traum erfüllt und sind in den Sonderdienst gegangen (eine Art Vollzeit-Missionare, bezahlt von der Gemeinschaft) und dafür in den Bayerischen Wald gezogen. Das haben sie 5 Jahre lang getan… bis meine Großmutter ein Pflegefall wurde und sie sich um sie kümmern mussten. 
Da meine Mutter dann „aus Versehen“ auch noch schwanger wurde (sie hatten sich eigentlich darauf verständigt, dass sie erst später im Paradies Kinder haben möchten), konnten sie weitere 5 Jahre später, nach dem Tod meiner Großmutter nicht zurück in ihren geliebten Sonderdienst gehen. Mein Vater war dann „immerhin“ Ältester und meine Mutter machte Hilfspionierdienst, so oft sie konnte (und hat mich natürlich immer mitgenommen). 
Das haben sie mich stets spüren lassen und es auch immer wieder wehmütig erzählt. Wenn sie schon wegen mir ihren Traum nicht leben konnten, so sollte ich wenigstens eine perfekte kleine Zeugin sein. Dafür haben sie alles getan. Ich bin hingegen mit einem schlechten Gewissen aufgewachsen, da meine Existenz sie ja von ihrem gewünschten Leben abgehalten hat. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, ihnen ihr Leben schuldig zu sein. 

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Es war von klein auf ein Kampf für mich, und zwar mit mir selbst. Ich habe mich bereits als sehr kleines Kind und auch danach stets unzulänglich gefühlt und aufgrund aller an mich gestellten Erwartungen einen Perfektionismus entwickelt, dem ich nie hätte gerecht werden können. Mein stark ausgebildetes Pflichtbewusstsein hat mich stets angetrieben, mehr zu machen, mehr zu versuchen, der perfekte Zeuge zu sein, den sie sich gewünscht haben. 
Meine Persönlichkeit und mein starker Eigenwille hingegen wollten das alles nie. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, wo ich nicht ständig mit mir selbst geschimpft habe, mich nicht selbst fertig gemacht hab, weil ich nicht in die Versammlungen gehen wollte, weil sich alles in mir gegen den Predigtdienst gesträubt hat, und ich habe gelernt, nach außen unauffällig zu sein, während in mir ständig ein Kampf tobte. 
Ich hatte als Kind jahrelang mit nächtlichen Alpträumen zu kämpfen, weil ich stets das Gefühl hatte, von Dämonen beobachtet zu werden, nächtliche Angstattacken haben dazu gehört. Ich habe viel zu Jehova gebetet aber nie das Gefühl gehabt, er hört mir zu oder hilft mir. Ich dachte, ich wäre seiner Hilfe nicht würdig. 
Da ich eine gute Schülerin war und mir lernen leichtfiel, habe ich mich beim Studium der Schriften hervorgetan. Ich habe bereits mit 3 Lesen gelernt und war dann sehr stolz, wenn ich in der Versammlung bereits Bibeltexte laut vorlesen konnte. Auch habe ich in sehr jungem Alter bereits Gitarre spielen gelernt, um im Versammlungsorchester mitspielen zu können. Das war mein liebster Teil. 
Dennoch haben meine Eltern mich häufig geschlagen, weil mein „aufmüpfiges Ich“ nicht zurückstecken wollte. Meine Mutter mit Ohrfeigen und dem Kochlöffel gegen die Oberschenkel (sie hatte in den Versammlungen sogar ein Ampel-System entwickelt, um meine Unruhe und Zappelei in den Griff zu bekommen – bei Rot gab es dann zu Hause eine Ohrfeige, damit niemand in der Versammlung redet), mein Vater mit blankem Hintern über die Knie. 
Dennoch habe ich mich mit 16 taufen lassen, weil ich dachte, wenn ich nur endlich „richtig dazu gehören“ würde, würde alles besser werden. 
Irgendwie habe ich immer nur versucht, allen Erwartungen an mich gerecht zu werden. 

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Ich habe drei Anläufe gebraucht. In der Pubertät wurden meine inneren Kämpfe und mein Widerwille, das weiterhin zu machen, immer heftiger. Ich fing an, verbotene Dinge zu tun (mich heimlich mit Jungs treffen, heimlich auf die Kirmes gehen, rauchen…) und es fühlte sich so gut an. Doch zweimal gelang es der Gemeinschaft, mich mit ganz viel „liebevoller Besorgnis“ zurück zu holen.
Der Ausschlag war, als ich mit 19-20 Jahren das Hobby des Fantasy-Rollenspiels kennenlernte (ich habe auch vorher bereits Fantasy- und Science-Fiction Bücher und Filme lieben gelernt) und feststellte, wie viel Spaß mir das machte. Ich habe also, weil ich mit offenen Karten spielen wollte, meinen Eltern die zu den Spielen gehörigen Hintergrund- und Regelwerke gezeigt, um zu sagen: seht her, es ist nur ein Spiel, ganz harmlos. 
Weit gefehlt! Da es in diesen Fantasy-Welten auch um Götter, Dämonen und Monster ging, haben bei ihnen die Alarmsirenen geläutet. Teufelswerk! Sie haben es den Ältesten gezeigt (mein Vater war ja selbst einer) und diese haben beschlossen, dass die Bücher vernichtet werden müssen und ich sofort damit aufzuhören habe! 
Das hat dann bei mir alle Barrikaden eingerissen, ich habe mich auf die Hinterfüße gestellt und NEIN gesagt. Ich habe einen Brief geschrieben, dass ich die Gemeinschaft verlasse. Da ich ein halbes Jahr vorher bereits bei meinen Eltern ausgezogen war und meine eigene Wohnung hatte, hat mir auch die räumliche Trennung sehr geholfen, nicht wieder einzuknicken. Nach einem sehr aufreibenden Gespräch mit drei Ältesten in meiner Wohnung war es das dann – ich war frei. Danach habe ich versucht, mein Leben von Grund auf neu aufzubauen, da mir von allen Menschen im Leben nur eine Schulfreundin geblieben war, die mich auch zum Rollenspiel gebracht hatte. Es war eine schwere Zeit. 
Ein paar Mal bin ich noch mit meinen Eltern in die Versammlung gegangen, Monate später – einfach nur, weil mir die Leute so gefehlt haben und ich so unglaublich einsam war. Aber als ich merkte, wie sehr sie sich begannen Hoffnungen zu machen, habe ich das wieder gelassen. Es kam mir nicht fair vor und brachte ja auch nichts, da niemand mit mir sprach. 
In den ersten 2-3 Jahren nach meinem Austritt hatte ich einen enormen Nachholbedarf. Ich habe alles getan, was ich vorher nicht durfte, und möglichst alles auf einmal. In die Disco gehen, „verbotene“ Filme sehen und Bücher lesen, wechselnde Sexualpartner, viel Alkohol, auch Kiffen, usw… Ich bin ziemlich abgedreht, da ich zu diesem Nachholbedarf auch absolut keinen Halt und keine Orientierung hatte. Im Prinzip kann ich sehr froh sein, dass ich in dieser Phase niemand begegnet bin, der böse Absichten hatte oder mich komplett auf die schiefe Bahn hätte locken wollen. Das ging so, bis meine einzige verbliebene Freundin aus der Schulzeit mir irgendwann die rote Karte zeigte und meinte, wenn ich mich nicht schnell wieder beruhigen würde, dann hätte sie auch keine Lust mehr auf mich. Ab da habe ich mich langsam am Riemen gerissen.
Ich habe jedoch in den ersten paar Jahren danach stets einen Schlauch, der auf meinen Auspuff passt, im Kofferraum mit mir herumgefahren – ich war davon überzeugt, durch meinen Austritt eine Art „verzögerten Selbstmord“ begangen zu haben, da ich ja in Harmagedon sterben würde. Und wenn es mir gerade besonders schlecht ging, war ich oft kurz davor, damit meinem Leben und meinen seelischen Qualen ein Ende zu bereiten. Glücklicherweise habe ich es aber dann doch nicht durchziehen können. 

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert? 
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Ich glaube, ich hatte den Glauben nie wirklich verinnerlicht. Natürlich habe ich meinen Eltern als Kind alles geglaubt, was sie mir gesagt haben. Aber ein Teil von mir hat schon immer dagegen angekämpft. Ich habe, glaube ich, nie wirklich an der Existenz Jehovas und der Wahrheit der Bibel gezweifelt – zumindest nicht bis einige Jahre nach meinem Austritt -, habe aber stets wahrgenommen, dass ich mich offenbar nicht dazu eigne. Warum sonst sollte mir das alles so schwerfallen? Warum sonst sollte ich mich ständig innerlich gegen all die Auflagen, Gebote und Verbote wehren? Und dann dachte ich mir: Wenn ich schon nicht richtig „gut“ sein kann, dann nützt es nichts – dann höre ich auf mich zu quälen und bin dann halt wenigstens richtig „böse“. Ich habe auch mit 20 noch sehr kindlich gedacht, das fällt mir jetzt mit vielen Jahren Abstand so richtig auf. 
In der Gemeinschaft hingegen war ich sehr stark verankert, daher fiel mir der Austritt auch so schwer. Ich bin ein extrovertierter und körperlicher Mensch, der Gesellschaft braucht. Ich liebte diese Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, aus vollem Herzen. 

5. Bist du von Ächtung betroffen? Wenn ja, in welchem Ausmaß?

Natürlich, welcher Ausgeschlossene ist das nicht? 
Meine Eltern haben danach nur noch selten mit mir geredet. In den letzten 10-20 Jahren haben wir vielleicht 2-3 mal im Jahr telefoniert und uns alle 1-2 Jahre mal gesehen – und das war immer bittersüß, da gerade meine Mutter mir jedes Mal Vorhaltungen machte. Nachdem meine Kinder da waren und ich wusste, wie sich Mutterliebe anfühlt, habe ich sie einmal am Telefon angebrüllt, dass sie mich nie richtig geliebt haben kann, da ich meinen Kindern niemals antun werde, was sie mir angetan hat. 
Auch mein Onkel und seine Frau haben danach nie wieder mit mir gesprochen. 
Und natürlich habe ich alle in der Versammlung verloren. Ich bin mit diesen Leuten aufgewachsen, hatte wirklich enge Freunde (dachte ich).
Bei den Beerdigungen meiner Eltern (meine Mutter in 2019, mein Vater in 2020) war außer mir, meiner Familie und meinem besten Freund nur ein Bruder anwesend, der die Grabrede gehalten hat. Auf die Goldene Hochzeit meiner Eltern durfte ich nicht kommen – meine Eltern haben mich ausgeladen mit dem Argument, dass sonst ja keiner der anderen Gäste kommen würde.  

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Ich habe mir viel zu spät Hilfe gesucht, erst als ich viele psychosomatische Störungen entwickelt hatte. Ich bin kein gesunder Mensch. Ich bin seit 2 Jahren in Therapie wegen Depressionen, Stress und einer generalisierten Angststörung. Es gibt noch den Verdacht auf nie erkanntes ADHS… das würde einige Events aus meiner Kindheit erklären. Um so etwas haben sich meine Eltern ja nie gekümmert. 
Vor Harmagedon habe ich keine Angst mehr. Aber dafür vor der Zerstörung der Erde durch uns Menschen und um die Zukunft meiner Kinder. 
Ich bin immer noch sehr glücklich, den Absprung geschafft zu haben und wünschte mir nur, ich hätte mich nie taufen lassen. Aber ich habe neue und sehr gute Freunde gefunden, die meine Ersatzfamilie geworden sind. 

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Die meisten meiner Probleme stammen aus der Art und Weise, wie ich erzogen wurde und aufgewachsen bin. Ich habe zwar auch viele tolle Skills durch die Zeugen gelernt – Argumentieren und Diskutieren, Studieren, Lernen, Liebe zu Büchern entwickeln – aber im Großen und Ganzen haben sie mein Leben zerstört. Ich war ein begabtes Kind aus dem viel hätte werden können – und alles wurde unterdrückt im Namen des Glaubens. Das werde ich ihnen nie verzeihen, ebenso wenig wie die Entzweiung meiner Familie. Meinen Eltern habe ich inzwischen verziehen, nachdem ich das Buch „Goodbye Jehova!“ gelesen habe und verstand, dass sie nur aus tiefsitzenden, durch ihren Glauben geschürten Ängsten handelten, aus denen sie nie hätten entfliehen können. 

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Studierende, Interessierte: Geht weg, so schnell ihr könnt! Das Einzige, was diese Organisation Euch Positives bieten kann, ist eine enge, familiäre Gemeinschaft – aber das kommt mit einem viel zu hohen Preis an Euch selbst. Wenn Ihr an Gott glauben wollt, tut das – aber nicht bei den Zeugen Jehovas! Sie sind auch nur Menschen und ihre Doktrin zerstört Euch, Eure Kinder, Eure Familien. Das ist es nicht wert! 

Zweifelnde Mitglieder: Euer Zweifel ist berechtigt. Informiert Euch außerhalb der Organisation, holt Euch Hilfe, hinterfragt alles mit gesundem Menschenverstand, übt selbständiges Denken – und lasst Euch nicht unter Druck setzen! Hört auf Euer Bauchgefühl. Wir, die wir den Weg herausgeschafft haben, sind für Euch da, wenn Ihr Hilfe braucht. Niemand soll (weiter) so leiden müssen! 

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