
Toni P.
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?
Als ich 11 Jahre alt war, begann meine Mutter mit den Zeugen Jehovas zu studieren – und ich musste dabei sein. Damals wurde ich ungetaufter Verkündiger, wollte aber mit 17 nicht mehr mitmachen.
Mein Glaube und die Angst vor Armageddon blieben jedoch, sodass ich meiner späteren Frau damals sagte: Wenn wir heiraten, wird es nicht in der Kirche sein, und an Weihnachten wird kein Baum im Haus stehen. Sollten wir Kinder bekommen, werden diese nicht getauft.
Ich war also sozusagen ein „POMI“ – physisch außerhalb der Organisation, aber mental innen – und sie hat mich trotzdem geheiratet. Wir beide begannen zu studieren und ließen uns im August 2000 taufen.
2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?
Am Anfang war ich sehr glücklich, weil ich dachte, die Wahrheit gefunden zu haben. Ich strengte mich sehr an, alle Aufgaben, die mir übertragen wurden, sorgfältig zu erledigen. Nach ein paar Jahren wurde ich zunächst Dienstamtgehilfe und später zum Ältesten ernannt.
Am meisten belastete mich der Predigtdienst. Die Nacht vor dem Treffpunkt war meist schlaflos – ich hatte regelrechte Panik vor dem Predigen an den Haustüren. Manchmal tat ich nur so, als würde ich klingeln, tat es aber nicht. Danach hatte ich ein schlechtes Gewissen, so feige gewesen zu sein und rechnete damit, dass Jehova mich vernichten würde, weil ich nicht alles gebe, um Menschen zu retten.
Ich war aber ehrlich und hatte auf meinen Berichtszetteln immer nur die Stunden aufgeschrieben, die ich auch war. Und obwohl ich Ältester war, durfte ich wegen den wenig Stunden (es waren im Durchschnitt 8) deshalb nicht am Trolley-Dienst teilnehmen.
3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?
Während der Corona-Zeit fanden Zusammenkünfte und Predigtdienst über Zoom statt. Eines Samstagvormittags, nach einem Zoom-Treffpunkt, hörte ich zufällig auf YouTube das Lied „Eternal Flame“ von Audiomachine. In einem Kommentar stand, das sei das Kongresslied der Zeugen Jehovas von 2016 gewesen. Mein erster Gedanke war: „Das kann nicht sein – völliger Blödsinn.“ Aber ich prüfte es nach – und war schockiert: Es stimmte. Das Abschlusslied im Kongressvideo 2016 war tatsächlich ein Stück von Audiomachine aus dem Jahr 2011.
Am selben Tag bekam ich Fieber und wurde krank – so sehr hat mich das innerlich erschüttert.
In den folgenden Tagen fand ich immer mehr Informationen über die Organisation – Dinge, die uns niemals jemand erzählt hatte.
4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?
Sehr stark. Ich habe jeden Tag mehrere Stunden mit Aufgaben für die Versammlung verbracht.
Anfang 2022 trat ich von meinem Ältestenamt zurück, weil ich die Brüder in der Versammlung nicht mehr kontrollieren wollte. Es wurde einfach zu viel. Jeden Montag hatten wir Ältestenbesprechung über Zoom. Jedes Mal ging es um Dinge wie: Wie war die Beteiligung? Wer war „gut“, wer „nicht so gut“? Wer braucht „geistige Hilfe“? Warum ist Schwester X mit Bruder Y ins Auto gestiegen? Und so weiter. Ich wollte das alles nicht mehr. Auch bei der Eingabe der Monatsberichte auf JW.org kam immer die Aufforderung, die Angaben „nochmals“ zu prüfen, weil die Stunden der Pioniere angeblich zu niedrig waren. Als Sekretär der Versammlung musste ich auch von jedem Verkündiger am Monatsende den Bericht anfordern und das war nervig.
5. Bist du von Ächtung betroffen?
a) Wenn ja, in welchem Ausmaß?
Alle Mitglieder meiner Familie, die bei den Zeugen Jehovas waren, haben gleichzeitig mit mir die Organisation verlassen. Ich hatte also großes Glück – niemand, der mir lieb ist, hat mich geächtet.
Ehemalige Freunde habe ich nicht mehr getroffen – aber ich bin sicher, dass sie mir aus dem Weg gehen würden, wenn wir uns begegneten.
b) Warum ächten dich diese Personen/Zeugen Jehovas?
Ich denke, sie tun es, weil sie Angst haben, Jehova zu missfallen.
Vor ein paar Jahren hätte ich Ausgeschlossene genauso gemieden – aus dem gleichen Grund: weil ich glaubte, Gott damit zu gefallen, auch wenn es weh tut. Ich denke nicht, dass die meisten das gerne tun.
6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?
Es geht mir wirklich gut. Ich habe keine Angst mehr, einem Gott zu missfallen, der mich für meine Schwächen bestrafen würde. Der ganze Druck mit Versammlungen, Berichten und Sitzungen ist weg.
Mit manchen Dingen habe ich heute noch zu kämpfen. Zum Beispiel musste ich einer 90-jährigen Schwester sagen, dass ihre Tochter ausgeschlossen wurde, weil sie geraucht hatte, und dass sie den Kontakt zu ihr einschränken solle. Als sie in Tränen ausbrach, tat mir das unglaublich weh. Ich würde mich so gerne bei Ihr und ihrer Familie dafür entschuldigen.
7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?
Der Ausstieg markiert für mich nicht nur ein Ende, sondern auch einen Neuanfang: Der Weg zurück zu sich selbst, zur Selbstbestimmung, zu echter Freiheit. Es bedeutet, alte Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen, Trauer und Wut zuzulassen und Schritt für Schritt ein neues Leben aufzubauen
8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?
Glaube nicht, du seist „anders“ oder „stark genug“ um zu widerstehen. Zeugen Jehovas manipulieren subtil, oft freundlich, langsam – nicht mit Zwang, sondern mit emotionaler Abhängigkeit. Das kann auch DICH treffen, egal wie klug oder reflektiert du bist.
Wenn eine Gruppe dir verspricht, alle Antworten zu haben – lauf nicht hin, sondern fang an, deine eigenen Fragen zu stellen.
