
Theresia
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?
Ich wurde in eine Zeugen Jehovas Familie hineingeboren. Meine Oma heiratete einen ehem. Bibelforscher. Sie wurde ebenfalls Z.J.
Meine Mutter ließ sich taufen, als ich 6 Jahre alt war.
Wir lebten bei meinen Großeltern.
2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?
Bis zu meinem 6. Lebensjahr wuchs ich sehr liebevoll u. geborgen auf. Dann heiratete meine Mutter einen Z.J. und die Religion nahm einen immer größeren Raum ein, sodass ich mich nicht frei entwickeln konnte.
Schulbildung war unwichtig.
Die Angst vor Harmagedon und das Jahr 1975 begleiteten mich als Kind.
Ich spürte schon als Kind, dass wir anders waren. Trotzdem fühlte ich auch so etwas wie Geborgenheit.
Das Schlimmste war, dass mir systematisch das freie Denken abtrainiert wurde.
3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?
Ich wurde 1982 ausgeschlossen, nachdem ich mich zurückgezogen hatte.
Als ich mit meinem damaligen Freund (heutigen Ehemann, 37 Jahre verheiratet) zusammenzog, besuchten mich zwei Älteste. Ich ließ kein Gespräch zu, ging auch nicht zu irgendwelchen Anhörungen. In meinen Augen hatten diese Leute kein Recht irgendein Komitee einzuberufen, um über mich zu urteilen. Ich fühlte mich nicht mehr zugehörig.
4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?
Ich begann sehr früh, schon mit ca. 4 Jahren über gewisse Dinge nachzudenken. Kinder von Z.J. bekommen alles mit, auch was für Kinder ungeeignet ist. So hörte ich, dass in Harmagedon die Fleischteile von allen Ungläubigen von den Vögeln gefressen werden. Das fand ich höchst ungerecht. Mein Vater war kein Z.J. Ab diesem Moment war Gott für mich kein liebevoller Gott, sondern ein Gott, vor dem ich Angst hatte.
Trotzdem kam ich auch später nicht auf die Idee zu rebellieren. Ich fühlte mich meinem Opa, der als Bibelforscher im KZ war, stark verbunden. Es kam mir wie Verrat vor, etwas in Frage zu stellen.
Leider erlebte ich als Jugendliche innerhalb der Familie sexualisierte Gewalt. Gott half mir nicht. Die Ältesten auch nicht. Ich wurde komplett allein gelassen. Mit 17 zog ich zu meiner Oma, aber da hatte die Abnabelung schon längst begonnen. Irgendwann war mir klar, dass ich nicht wegen Jehova in dieser Organisation war und mich den strengen Regeln unterwarf, sondern wegen meiner Freunde, meiner Clique.
Außerdem war ich der Meinung, dass nichts, was ich für diese Organisation jemals mache, irgendwann genug ist.
5. Bist du von Ächtung betroffen?
a) Wenn ja, in welchem Ausmaß?
Ich hatte meine Mutter vor die Wahl gestellt, entweder sie akzeptiert meine Entscheidung, oder sie hat keine Tochter mehr. Sie hat sich für mich entschieden, so dass ich von Seiten meiner Mutter keine Ächtung erlebte.
Meine Schwester brach den Kontakt zu mir sofort ab. Seit ca. 2 Jahren haben wir wieder Kontakt.
Für meine Freunde war ich von einem einem zum anderen Tag gestorben. Keiner hatte Interesse zu erfahren, was mich bewogen hat, zu gehen.
Das war für mich eine sehr schlimme Zeit. Wer das nicht erlebt hat, kann es
kaum nachvollziehen. Es hat bei mir Spuren hinterlassen. Zum Glück war damals mein Mann eine große Stütze für mich. Bei unserer Hochzeit, 8 Jahre nach meinem Ausschluss, war von mir keine einzige Freundin
dabei.
Jahre später verließ auch meine damalige beste Freundin gemeinsam mit ihrem Mann die Organisation. Seitdem sind wir wieder sehr eng zusammen.
Es fällt mir schwer, Freundschaften zu schließen.
Die Ächtung, die man erlebt, geht nicht spurlos an einem
vorüber.
Die dadurch entstandenen Verletzungen prägen das Leben.
b) Warum ächten dich diese Personen/Zeugen Jehovas?
Die Ächtung ist ein Schutz der Organisation vor anderen Meinungen. Da nur richtig ist, was die Organisation sagt und anordnet, ist es für sie gefährlich, wenn Mitglieder andere Ideen haben oder Lehrmeinungen in Frage stellen.
Da nichts hinterfragt werden darf und jede Diskussion untersagt ist, kann nur ein Ausschluss anders Denkender und die anschließende Ächtung dieses geschlossene System erhalten.
6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?
Bis zu meinem 50. Lebensjahr hat niemand in meiner Umgebung, noch nicht einmal mein Sohn, gewusst, dass ich eine ehemalige Zeugin war. Ich habe mich unglaublich geschämt und meine Ängste und Verletzungen sehr tief in mir vergraben. Bis ich nicht mehr konnte. Ich machte eine Therapie und meine
Therapeutin war die erste, die davon erfuhr. Bis dahin hatte ich geglaubt, dass ich das alles ganz prima hinbekommen habe. So war es jedoch nicht. Verdrängen geht nur eine gewisse Zeit. Die Indoktrinierung war so stark und hat so viele Spuren hinterlassen. Als besonders schlimm empfinde ich,
dass die Verletzungen unbewusst weitergegeben werden (transgenerationale Weitergabe von Traumata).
7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?
Heute weiß ich und akzeptiere, dass ich als Kind keine Chance hatte, mich gegen diese Sekte zu wehren. Ich habe es getan, als ich die Möglichkeit dazu hatte. Darauf bin ich heute stolz. Ich habe es geschafft, ein glückliches und schönes Leben an der Seite meiner Kernfamilie zu führen. Entgegen allen Prognosen, die die Z.J. denjenigen prophezeien, die es wagen, die Organisationen zu verlassen.
Trotzdem musste ich schwer kämpfen und habe viele emotionale Verletzungen erlitten. Wer in dieser Organisation aufwächst, hat es nicht gelernt, die eigenen Emotionen zu erkennen. Ich habe gelernt, sie zu unterdrücken.
Ich habe es geschafft, mich zu befreien und das hat mich stark gemacht.
Viele Verhaltensmuster begleiteten mich sehr lange und es bedarf großer Aufmerksamkeit, sich selbst gegenüber, dies zu erkennen.
8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft , bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?
Ich möchte appellieren zu hinterfragen.
Was erwarte ich?
Was ist in meinem Leben passiert, dass ich mich zu den J.Z. hingezogen fühle?
Mit welcher Methode wird gearbeitet, um neue Mitglieder zu rekrutieren und
alte Mitglieder zu behalten? (Angst)
Was fehlt gerade in meinem Leben?
Kann ich die strengen Vorschriften für mein Leben akzeptieren?
Nachdenken, nachdenken und Fragen stellen.
Hannah Arendt hat gesagt: Nur Kinder gehorchen. Deshalb die Frage an noch Zeugen: Warum lasse ich es als Erwachsener zu, dass ein “treuer und verständiger Sklave” vorschreibt, was ich zu tun und zu lassen
habe?
Und ganz wichtig: Informieren, vergleichen und lesen, lesen, lesen ……
