ÜberLebensweg – S. Bird

S. Bird

1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?

Ich wurde in diese Gemeinschaft hineingeboren – meine Familie war bereits in vierter Generation Teil davon.

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Mein Alltag war geprägt von einer starken Abgrenzung gegenüber der Außenwelt. Es gab Kontrolle über viele Lebensbereiche und eine Vielzahl an religiösen Pflichten, die kaum Raum für persönliche Freiheit ließen. Besonders belastend war die Ideologie, die den Kontakt zur „Welt draußen“ als gefährlich darstellte. Früh spürte ich die ständige Angst vor Harmagedon – eine Angst, die mich auch nach meinem Ausstieg lange begleitete.

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Der Ausstieg war ein langsamer Prozess, der sich über viele Jahre hinzog. Ich führte ein Doppelleben und zog schließlich in eine andere Gegend, um einen klaren Schnitt zu machen.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Ich war tief in die Struktur eingebunden – mit regelmäßigen Predigtdiensten, Bibelstudien und geistlichen Pflichten. Erste Zweifel kamen als Jugendliche, als ich merkte, wie eng das Weltbild war. Ich begann, Kontakte außerhalb der Gemeinschaft zu knüpfen – dort spürte ich zum ersten Mal echte Freude. Später, mit etwas Abstand, wurde mir klar, dass ich über Jahre hinweg ideologisch geprägt und emotional abhängig gemacht wurde. Besonders verstörend war rückblickend eine Kindergeschichte aus dem Bibelunterricht, in der ein Kind eine Bluttransfusion verweigerte und starb – und dies als vorbildlich dargestellt wurde.

5. Bist du von Ächtung betroffen?

Nein, nicht direkt – aber ich habe die Missachtung deutlich gespürt. Als ich die Gemeinschaft verließ, war ich ungetauft, was es mir ermöglichte, den Kontakt zu meiner Familie zu behalten. Dennoch war der Weg sehr einsam. Den Kontakt zu anderen Mitgliedern habe ich vollständig abgebrochen. Ich habe miterlebt, wie Menschen von ihren eigenen Eltern getrennt wurden, nur weil sie einen anderen Weg gingen. Das war tief verstörend – besonders für junge Menschen.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Heute geht es mir gut – nach vielen Jahren innerer Arbeit. Aber die psychischen Nachwirkungen sind nicht vollständig verschwunden. Nach meinem Ausstieg war ich lange in einem sehr dunklen Zustand. Ich hatte einen Suizidversuch, weil ich völlig haltlos war. Immer wieder wurde uns vermittelt: „Wer geht, wird untergehen.“ Diese Botschaft hat sich tief eingebrannt – und wirkte wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Ich sehe die Organisation heute als System mit zwei Gesichtern. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kinder geschlagen wurden, wenn sie im Gottesdienst nicht still waren – gestützt durch Bibelverse, die körperliche Züchtigung als Liebe darstellen. Für psychische Probleme gab es keine Hilfe. Therapie wurde als „weltlicher Einfluss“ verteufelt. Ich hatte als junger Mensch keine echte Unterstützung – und das in einer der prägendsten Phasen meines Lebens. Meine Begabungen wurden nie gefördert, weil alle Zeit und Energie in die Gemeinschaft flossen.

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Mein Rat ist: Informiert euch gut – besonders über Strukturen, die stark auf Kontrolle und Gehorsam setzen. Viele freundliche Gesichter können den Blick auf das System dahinter verschleiern. Die Gemeinschaft ist nicht per se „böse“, aber das System, in dem sie funktioniert, kann Menschen psychisch schwer schaden. Wer zweifelt, ist nicht schwach. Zweifeln ist oft der Anfang von echter Freiheit.