ÜberLebensweg – Martina Pucciarelli

Martina Pucciarelli

Das Original des ÜberLebenswegs in italienisch

1. Wie bist du mit den Zeugen Jehovas in Kontakt gekommen?

Ich wurde 1987 als zweites von fünf Kindern in einer Familie von Zeugen Jehovas geboren. Meine Eltern ließen sich 1986 taufen, als sie 24 bzw. 26 Jahre alt waren. Mein Vater war Ältester und im Bezirk sowie im Kreis eine sehr angesehene Persönlichkeit.

2. Wie hast du dein Leben und deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt? Womit hattest du am meisten zu kämpfen?

Schon seit dem Kindergarten hatte ich das Gefühl, anders zu sein, gerade in jenen Situationen, in denen ich außerhalb der Gemeinschaft in Berührung kam (nämlich in der Schule, aber auch bei Besuchen bei Verwandten „aus der Welt“, die keine Zeugen Jehovas waren). Am schwersten fiel es mir, dass ich zu Menschen außerhalb der Versammlung nicht so eine Bindung aufbauen konnte, wie ich es mir wünschte; ich spürte eine Art unsichtbare Grenze zwischen mir und ihnen, die es mir nicht erlaubte, mich ihnen von Herzen zu öffnen und mit ihnen so Umgang zu pflegen, wie ich es wollte. Auch die Tatsache, ständig eine Rolle spielen zu müssen – die Tochter und später die Ehefrau des Ältesten –, hat mich enorm belastet, ganz abgesehen davon, dass ich meine wahren Neigungen nicht pflegen und zum Ausdruck bringen konnte. Wir alle existierten im Namen Jehovas; außerhalb von ihm waren jegliche Gefühle, Leidenschaften, Emotionen und Fähigkeiten nutzlos.

3. Warum bist du kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr? Gab es ein entscheidendes Ereignis?

Die Geburt meiner Kinder hat mich dazu bewegt, ihnen jene Freiheit zu garantieren, die mir immer verwehrt geblieben war, und hat mir den Mut gegeben, den ich für mich selbst, für mein eigenes Glück und mein ausschließliches Wohlergehen, nie aufbringen konnte.

4. Wie fest warst du in deinem Glauben und deiner Gemeinschaft verankert? Wann und warum hast du begonnen, deinen Glauben in Frage zu stellen?

Ich war sehr gläubig, sowohl gegenüber Jehova als auch gegenüber meiner Familie; ich glaubte wirklich daran. Das Erste, was ich in Frage stellte, war die These, dass Gott Wunder nur dann erfüllt, wenn sie im Einklang mit seinem Willen stehen: Das empfand ich als wirklich parteiisch und ungerecht. Ich wünschte mir nämlich sehr sehnlichst Kinder und bat Gott im Gebet, mir diesen einen Wunsch zu erfüllen, den ich ihm in all den Jahren gestellt hatte. Da ich jedoch große Schwierigkeiten hatte, schwanger zu werden, nahm ich an, dass Jehova mich für etwas bestrafte, von dem ich nichts wusste. Schließlich wurde ich dank einer intrauterinen Insemination schwanger, womit gewissermaßen die Wissenschaft über den Willen Gottes gesiegt hatte. Das war die erste Infragestellung auf doktrinärer Ebene. Auf zwischenmenschlicher Ebene hingegen haben meine Zuneigung und mein Herz das Verbot, meinen älteren Bruder, der ausgeschlossen wurde, zu besuchen, nie akzeptiert.

5. Bist du Opfer von Ausgrenzung?

a.) Wenn ja, in welchem Ausmaß? Wen hast du verloren, als du die Organisation verlassen hast? Inwiefern wirkt sich das auf dein Leben aus?

Ja, meine Familie (meine Eltern, zwei Schwestern und ein Bruder) wollte nichts mehr mit mir zu tun haben, nicht einmal aus den sogenannten „biblischen Gründen“. Seit zehn Jahren habe ich sie weder gesehen noch gehört, ich weiß nicht einmal mehr, wo sie wohnen. Auch meine Ehe hat meinen Austritt aus den Zeugen Jehovas nicht überstanden. All dies führte, zumindest anfangs, zu großer Einsamkeit.

b) Warum grenzen diese Menschen / Zeugen Jehovas dich aus?

Zum Teil handelt es sich um eine besonders „fundamentalistische“ persönliche Haltung, die vielleicht keinen inneren Kampf mit den eigenen Wünschen und Gefühlen zulässt (das kann ich nicht wissen, aber ich vermute, dass der blinde Wahnsinn die Oberhand gewinnt), zum anderen befolgen meine Angehörigen einfach die Regeln der Gruppe, die Anweisungen von oben. Sie halten sich buchstabengetreu daran, im Gegensatz zu anderen, die weniger streng sind. Das Verbot, mit mir Umgang zu pflegen, haben sie sich sicherlich nicht selbst ausgedacht.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen musst du kämpfen? Hast du zum Beispiel mit Ängsten zu tun?

Heute fühle ich mich als freie Frau und habe das Gefühl, mich frei ausdrücken zu können. Ich habe entdeckt, dass Glück nicht so absolut ist, wie es Jehova versprochen hat, sondern dass es für mich vor allem in Umgebungen und bei Menschen zu finden ist, die mich willkommen heißen und wertschätzen, in den kleinen Freuden des Alltags und darin, meine Kinder frei und unbeschwert aufwachsen zu sehen. Meine Familie fehlt mir jedoch sehr; es ist ein Schmerz und eine Leere, mit der ich gelernt habe zu leben, die ich aber nicht ignorieren kann. Auf jeden Fall geht es weiter.

7. Welche Schlussfolgerung ziehst du persönlich aus deiner Vergangenheit?

Ein gesundes Umfeld fördert eine gesunde psychophysische Entwicklung; das Gleiche lässt sich nicht von denen sagen, die wie ich in einem Umfeld geboren und aufgewachsen sind, das von einem kollektiven psychotischen Wahn geprägt war. Das ist die erste Schlussfolgerung, die ich daraus gezogen habe. Die zweite ist, dass Freiheit niemals als selbstverständlich angesehen werden darf; man darf nicht denken, dass wir sie morgen noch haben werden, nur weil wir sie heute haben. Wer „in Gefangenschaft“ geboren wurde, versteht das sehr gut und ist wachsam und sensibel gegenüber jeder Bedrohung derselben.

8. Welchen Rat würdest du denen geben, die sich für diese Glaubensgemeinschaft interessieren (zum Beispiel, die bereits die Bibel studieren oder sich von der Organisation angezogen fühlen), oder den Mitgliedern, die bereits Zweifel haben?

Wenn ihr Zweifel und Fragen habt, versucht, die Antworten auch außerhalb dieser Gemeinschaft zu suchen. Die Wahrheit scheut keinen Vergleich.