
Maria H. aus K.
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?
Ich bin hineingeboren in eine Familie, in der sogar schon die Großeltern und breit gefächert Tanten und Cousinen ZJ sind.
2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?
Ich war als Kind ständig müde.
Schule, Predigtdienst, Bibelstudium daheim und die Zusammenkünfte waren einfach zu viel. Noch dazu war ich in der Schule der Aussenseiter und wurde gemobbt, ich durfte ja nicht mal einen Weihnachtsbaum malen.
Ich war einsam und habe oft geweint.
3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?
Ich war irgendwann neugierig auf die Welt da draußen und gestaltete mir durch ein gutes Lügenkonstrukt ein Doppelleben.
Irgendwann hatte ich sogar heimlich einen Freund, der sich dann aber tragischerweise das Leben nahm. Da war mir dann alles egal und ich konfrontierte meine Eltern damit, dass ich nicht mehr weitermachen möchte bei den ZJ.
4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?
Ich denke, ich war da nie wirklich positiv verankert. Manche Ängste jedoch, die einem als Kind beigebracht werden, wirken sich bis heute noch aus.
Angst vor dem Tod, Angst vor übernatürlichen Kräften.
Tatsächlich habe ich auch als Kind schon unangenehme Fragen gestellt, ich kann mich erinnern nie eine zufriedenstellende Antwort dafür bekommen zu haben. Ich bekam sogar eine Ohrfeige mit dem Hinweis, meine Frage wäre Blasphemie. Es gab eine Zeit, da hab ich wirklich versucht die Bibel zu lesen, weil meine Eltern sagten, ohne das werde ich nie einen festen Glauben haben. Aber das war viel zu anstrengend und langweilig für mich als ca. 10-Jährige und ich gab einfach auf. Lange habe ich dann einfach mein Schicksal akzeptiert, alles mitgemacht und keine Fragen mehr gestellt. Einfach um des Friedens willen.
5. Bist du von Ächtung betroffen?
a) Wenn ja, in welchem Ausmaß?
Ich hatte hier Glück, nur ungetaufter Verkündiger gewesen zu sein. Dadurch darf meine Familie Kontakt zu mit halten. Meine damals beste Freundin jedoch mied mich komplett, wir haben uns ein paar mal zufällig getroffen und gegrüßt, aber weiter wie Smalltalk war es nie.
b) Warum ächten dich diese Personen/Zeugen Jehovas?
Ich denke im Falle dieser Freundin ist es einfach so, dass ich als schlechter Einfluss gelte. Ich bin ein Weltmensch, der aber mal drin war. Das macht es schlimmer. Dadurch kann sie keinen engeren Kontakt zu mir pflegen.
6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?
Ich habe nach der Geburt meines Sohnes eine Retraumatisierung erlitten mit einer PTBS. Ich habe eine Traumatherapie gemacht. Dazu habe ich eine Hypochondrie entwickelt und Flugangst, eine irrationale Angst zu sterben. Ich bin bis heute in der Gruppe schwierig und habe Anpassungsprobleme, bin mehr ein Einzelkämpfer. Und ich habe Angst, dass wenn ich mich negativ über ZJ äußere, ich doch noch von Ächtung betroffen sein könnte.
Vor allem da mein Vater Kreisaufseher in mehreren Ländern war, habe ich Angst nur durch meinen Namen erkannt zu werden oder durch meine Geschichte.
7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?
Ich habe keine glückliche Kindheit gehabt, obwohl es mir materiell nie an was fehlte. Die Liebe meiner Eltern war und ist immer an Bedingungen geknüpft. Ich habe Glück, nicht daran zugrunde gegangen zu sein, aber ich war kurz davor. Ich muss bis heute noch lernen damit umzugehen.
8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?
Sich so schnell wie möglich aus den Fängen dieser Organisation zu befreien. Es wird anfangs nicht leicht, aber es lohnt sich. Sie haben nicht die Wahrheit, denn sie belügen sich selbst und andere.
