ÜberLebensweg – Lucas Hahn

Lucas

 1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?

Ich wurde in die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hineingeboren. Meine Schwester und ich waren Zeugen Jehovas in vierter Generation und stammen aus einer sogenannten Mischehe: Meine Mutter war und ist Zeugin Jehovas, mein Vater war nie getauftes Mitglied.

2. Wie hast du dein Leben und deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Meine Kindheit und Jugend waren für mich ein einziges Martyrium. Besonders die Schulzeit empfand ich als reine Tortur. Über viele Jahre litt ich unter schweren Depressionen, was dazu führte, dass ich meinen Alltag oft kaum bewältigen konnte. Bis zu meinem Schulwechsel in der Oberstufe fehlte ich über sieben Jahre hinweg regelmäßig ein bis zwei Tage pro Woche – es ging schlicht nicht anders.

Erste deutliche Anzeichen einer psychischen Verschlechterung nahm ich bereits im Alter von zehn Jahren wahr. Ich ging ungern und nicht freiwillig in die Versammlung, in den Predigtdienst und auch in die Schule. Damals war mir nicht bewusst, dass ich mich gegenüber der Gemeinschaft abgrenzen darf oder dass ich Opfer der Zeugen Jehovas war.

Über lange Zeit unterdrückte ich meine Zweifel und versuchte, „das Spiel mitzuspielen“, obwohl sich mein Leben in der Organisation für mich wie systematischer seelischer Missbrauch anfühlte. Ich fühlte mich weder bei den Zeugen Jehovas noch außerhalb der Gemeinschaft sicher oder geborgen. Meine Zeit dort war geprägt von Angst, Scham- und Schuldgefühlen, Selbsthass, Isolation, Einsamkeit und Verzweiflung.

3. Wie kam es, dass du kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Im Jahr 2023 befand ich mich in einer psychiatrischen Behandlung. In einem Gespräch sagte ein ehemaliger Mitpatient zu mir: „Du hast sehr viel Negatives über die Zeugen Jehovas erzählt. Gab es auch etwas Positives? “Ich dachte kurz nach und antwortete: „Nein, tatsächlich nicht.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Gemeinschaft stets verteidigt. Zum ersten Mal konnte ich meine Gedanken und Gefühle ungefiltert aussprechen – ohne Angst vor Konsequenzen. In dieser Zeit entwickelte ich den Willen und die Kraft, mich von der Sekte zu lösen.
Auch wenn mir erst allmählich bewusst wurde, wie stark ich indoktriniert worden war, erkannte ich, dass ich an einem entscheidenden Wendepunkt stand: Entweder ich mache weiter wie bisher – oder ich entscheide mich für mein Leben.

Die Gemeinschaft schadete meiner seelischen Gesundheit massiv. Zwei Älteste versuchten noch, mich umzustimmen, doch meine Entscheidung stand bereits fest. Es war das erste Mal, dass ich trotz Widerstand zu mir selbst stand.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert?
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln?

Ich war glücklicherweise nie Dienstamtgehilfe oder Ältester. Obwohl ich versuchte, mich einzubringen, spürte ich stets einen inneren Widerstand. Ich passte nie wirklich in die Gemeinschaft und verleugnete dennoch häufig meine eigenen Bedürfnisse. In manchen Phasen indoktrinierte ich mich sogar selbst.

Der Druck durch Älteste und die leitende Körperschaft, innerhalb der Organisation „voranzukommen“, belastete mich psychisch stark. Ich glaubte nicht alles, was in den Vorträgen vermittelt wurde, doch die Angst, die Zeugen Jehovas könnten recht haben, hielt mich davon ab zu recherchieren. Ich wollte „dem Teufel nicht auf den Leim gehen“ – rückblickend eine bittere Ironie.

Besonders der Umgang mit Homosexualität erschien mir von Anfang an widersprüchlich und ungerecht. Ebenso empfand ich die Praxis der Ächtung als brutal und entmenschlichend. Wie kann ein Gott unparteiisch sein, wenn Menschen dafür bestraft werden, ihre Glaubenszugehörigkeit zu hinterfragen oder abzulegen?

Ein Fall aus meiner Familie bestätigte meine Wahrnehmung: Meine Tante wurde durch den systemischen Missbrauch der Organisation alkoholkrank. Als sie Anfang der 2010er Jahre exkommuniziert wurde, war sie kaum noch lebensfähig. Für mich wirkte es, als sei sie für die Organisation schlicht nicht mehr nützlich gewesen.

5. Bist du von Ächtung betroffen?

Ich glaube, fast jeder ehemalige Zeuge Jehovas ist in irgendeiner Form von Ächtung betroffen. Ich habe das Glück, dass meine Eltern meine Entscheidung respektieren und dass auch meine Schwester ausgestiegen ist.

a) Wenn ja, in welchem Ausmaß?

Bis auf wenige Ausnahmen habe ich keinen Kontakt mehr zu aktiven Zeugen Jehovas. Einige haben mich blockiert oder aus ihren Kontakten entfernt. Ich selbst habe die meisten Verbindungen aus dieser Zeit gelöscht. Ein klarer Abstand zu dieser destruktiven Organisation ist für meine Heilung notwendig.

b) Warum ächten dich diese Personen – und wie denkst du darüber?

Ich habe erkannt, dass die Gründe für dieses Verhalten für mich keine Rolle mehr spielen. Es ändert nichts an meinem Weg. Viele Zeugen Jehovas haben Angst vor Aussteigern, die sie als Bedrohung wahrnehmen. Zudem sind sie ein Leben ohne Kontrolle und Machtmissbrauch nicht gewohnt und klammern sich lieber an das Vertraute, als sich einer ungewissen Freiheit zu stellen.

6. Wie geht es dir heute?

Ich leide weiterhin unter wiederkehrenden Depressionen und einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung. Besonders die PTBS schränkt mich stark ein. Ich fühle mich bis heute nicht sicher gebunden. Gleichzeitig sehe ich Fortschritte, auch wenn mir oft die Geduld fehlt. Ich lebe eher zurückgezogen und verbringe viel Zeit allein, wenn ich nicht arbeite.

7. Welches Fazit ziehst du aus deiner Vergangenheit?

Es geschehen grausame Dinge auf dieser Welt, und ich kann sie nicht länger beschönigen. Ich habe gelernt, dass Macht missbraucht wird, wenn man sie gewähren lässt. Ich verleugne mein Leid nicht mehr, schäme mich nicht dafür und gebe mir nicht länger die Schuld. Ich bin ein Opfer dieser Organisation, und ich stehe dazu. Die Wahrheit tut weh, aber ich bin es leid, mich zu verstecken. Mein Leben und meine Bedürfnisse dürfen nichtlänger hintangestellt werden.

8. Welchen Rat möchtest du Zweifelnden mitgeben?

Einen einfachen Rat zu geben, fällt mir schwer.
Ein Teil von mir würde sagen: „Flieht, so lange ihr könnt.“
Was ich sicher sagen kann: Unterdrückt eure Zweifel nicht. Sie sind berechtigt. Es ist nie zu spät, Fragen zu stellen– und es gibt keine falschen Fragen.