Das „Blutverbot“ der Zeugen Jehovas hat zwischen 1961 und heute nach konservativen Schätzungen mehr als 40 000 Menschenleben gefordert. Eine Änderung der Blutdoktrin vom 18. September 2026 hebt das Verbot von Bluttransfusionen zum großen Teil auf. Was umfasst diese Änderung und was heißt das für die künftige medizinische Versorgung von Zeugen Jehovas? Was sind die Hintergründe dieser Änderung und was bedeutet sie für die Aufklärung? Die folgenden Beiträge setzen sich mit diesen Fragen auseinander.
Im Lagebericht der Leitenden Körperschaft Nr. 6 vom 18. September verkündet Geoffrey Jackson, Mitglied der Leitenden Körperschaft, eine historische Kehrtwende in der jahrzehntelangen Blutdoktrin der Glaubensgemeinschaft. Neu gilt die Akzeptanz der vier Bluthauptbestandteile als eine Gewissensfrage. Das bedeutet, auch wenn Jackson das im Lagebericht bezeichnenderweise nicht explizit sagt, dass Bluttransfusionen für Zeugen Jehovas ab sofort möglich sind. Weiterhin verboten bleiben Vollbluttransfusionen. Sie machen einen kleinen Prozentsatz aller Bluttransfusionen aus, sind aber besonders in der Notfallmedizin von Bedeutung.
Diese Ankündigung folgt auf eine kürzlich bekannt gegebene Lehränderung im März 2026, im Lagebericht Nr. 2, bei der bereits die Nutzung, Lagerung und Rückführung des eigenen Blutes (autologe Bluttransfusion) zur Gewissensfrage erklärt worden ist.
1. Analyse des Lageberichts Nr. 6 2026
Geoffrey W. Jackson, Mitglied der Leitenden Körperschaft, eröffnet den Lagebericht Nr. 6 folgendermaßen: „In Anbetracht der Bedeutung dieses Updates hat die leitende Körperschaft beschlossen, es so schnell wie möglich auf Englisch zu veröffentlichen.“ Es schien aus Sicht der Organisation also sehr dringend zu sein, welche Gründe für diese Dringlichkeit vorliegen, ist unklar.
Danach spricht Jackson über sieben internationale Kongresse. Es folgt der Hinweis auf die Broschüre „Glücklich – für immer“ verbunden mit der Ermunterung, ein Bibelstudium ins Auge zu fassen. Anschließend spricht er über Naturkatastrophen und die Hilfe der Gemeinschaft für Brüder und Schwestern. Es folgt ein Übergang (3:57), in dem sich Jackson über die Heiligkeit von Leben und die Bedeutung von Blut auslässt.
Jackson fährt fort (6:06): „Was das Blut betrifft, haben Jehovas Zeugen Apostelgeschichte 15 so verstanden, dass sie kein Vollblut zu sich nehmen dürfen – weder über den Mund noch durch eine Transfusion – und dass sie kein Blut spenden dürfen. Diese Haltung hat Jehovas Volk geistig und physisch geschützt. Wir haben diesen Grundsatz auch auf die vier Hauptbestandteile des Blutes angewandt: das heißt rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Blutplasma und Blutplättchen. Die medizinische Wissenschaft hat die Wirksamkeit von Behandlungen gezeigt, die Bluttransfusionen und damit verbundene Risiken vermeiden.“
Man kann daraus schließen, dass die vertretene Haltung richtig war, weil sie die Gläubigen geschützt hat. Die Formulierung „haben Jehovas Zeugen … so verstanden“ scheint die Verantwortung von der Leitung wegzuschieben zu den Gläubigen. Von „Bluttransfusionen“ spricht Jackson nur dieses eine Mal in dieser Ansprache, nämlich im Zusammenhang mit zu vermeidenden Behandlungen.
Bibel äußert sich nicht zu medizinischen Blutthemen – persönliche Entscheidung
Danach führt Jackson aus (7:01), dass medizinische Fortschritte Fragen aufwerfen, dazu verweist er auf das Update Nr. 2 vom März 2026. Er liest von einem Kärtchen wörtlich ab, was sein Kollege Gerrit Lösch dazu gesagt hatte (7:07), nämlich dass sich die Bibel nicht zu medizinischen Blutfragen äußert und die Gläubigen wie bei anderen Entscheidungen bzgl. Gesundheitsversorgung selbst Entscheidungen treffen müssen.
Jackson fährt fort (7:40): „Diese biblische Klarstellung ermöglicht es jedem Christen, gemäß Galater 5, Vers 5 zu handeln: ‚Jeder wird seine eigene Last tragen.‘“ Dabei deutet „Last“ an, dass die Entscheidung schwer und wohl auch falsch sein könnte.
Jetzt kommt Jackson auf die aktuelle Neuerung zu sprechen (7:53):
„Nach weiteren gebetsvollen Überlegungen hat die leitende Körperschaft entschieden, dass dasselbe Prinzip für die vier Hauptbestandteile von Vollblut gilt – also rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Plasma und Blutplättchen, die aus dem Blut einer anderen Person gewonnen werden. Daher muss jeder Christ seine eigene persönliche Entscheidung über die Verwendung dieser vier Hauptbestandteile in der gesamten medizinischen und chirurgischen Behandlung treffen. Ebenso muss jeder Christ entscheiden, ob er Bestandteile oder Fraktionen spendet, die aus seinem eigenen Blut gewonnen werden.“
Welche Folgen das für die Gläubigen hat, nämlich dass sie Bluttransfusionen (Vollbluttransfusionen ausgenommen) erhalten können, ohne Angst zu haben, als ausgeschlossen zu gelten, dazu schweigt Jackson. Stattdessen betont er die Bedeutung des Themas und wiederholt, dass sich die Bibel nicht zu diesem Thema äußert. Wie er dann die Verantwortung erneut an die Mitglieder abschiebt, ist bemerkenswert (8:37):
„Bedeutet dies nun, dass die Leitende Körperschaft die Frage von Behandlungen, die einen oder mehrere der Hauptblutbestandteile beinhalten, auf die leichte Schulter nimmt? Nein, keineswegs! Die leitende Körperschaft betrachtet dies nach wie vor als eine sehr ernste Angelegenheit. Da sich die Schriften jedoch nicht zu den verschiedenen Produkten äußern, die aus Blut gewonnen werden können, erkennen wir an, dass wir – in Übereinstimmung mit 1. Korinther 4, Vers 6 – nicht berechtigt sind, über das hinauszugehen, was geschrieben steht. Wir erkennen auch die Bedeutung dessen an, was in 2. Korinther Kapitel 1, Vers 24 steht: ‚Nicht dass wir die Herren über euren Glauben wären, sondern wir sind Mitarbeiter an eurer Freude, denn durch euren Glauben steht ihr fest.‘“
Die Vertreter der Leitung, die mit der Blutdoktrin Zehntausende in den Tod getrieben und dabei sogar den Tod von Kindern verherrlicht haben, geben also vor, nicht Herren über den Glauben ihrer Gläubigen zu sein.
Unklar, was die Änderung umfasst
In den folgenden Ausführungen geht es darum, wie die Neuerung zu verstehen sei – obwohl bis zu diesem Punkt gar nicht klar geworden ist, was die Neuerung eigentlich bedeutet (9:31):
„Wie sollte ein Christ die Annahme oder Ablehnung eines oder mehrerer der vier Hauptbestandteile betrachten? Jeder Christ sollte die beteiligten Faktoren weiterhin gebetsvoll abwägen, bevor er eine Entscheidung trifft. Diese Angelegenheit auf die leichte Schulter zu nehmen, könnte dem Gewissen eines Christen und seiner kostbaren Beziehung zu Jehova schaden. Welche Faktoren könnte ein Christ berücksichtigen, wenn er eine medizinische Entscheidung über die Verwendung eines Produkts trifft, das aus dem Blut einer anderen Person stammt? Jeder Christ wird wahrscheinlich zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Manche lehnen möglicherweise alle solchen Produkte ab, weil sie glauben, dass die Einnahme jeglicher Blutbestandteile falsch ist. Andere akzeptieren möglicherweise bestimmte Produkte, weil diese nur einen geringen Prozentsatz von Vollblut ausmachen. Zum Beispiel machen manche Komponenten einen kleineren Prozentsatz von Vollblut aus als bestimmte Fraktionen, die manche Christen möglicherweise bereits bereit sind zu akzeptieren. Wie auch immer der Fall liegen mag, Römer 14, Vers 12 besagt: ‚Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft ablegen.‘ Um jedem Diener Gottes dabei zu helfen, eine fundierte persönliche Entscheidung zu treffen, hat die leitende Körperschaft die Veröffentlichung einer einfachen Tabelle genehmigt. Sie führt einige der gängigeren Produkte auf, die aus Blut gewonnen werden.“
Als Zuschauer:in fragt man sich, wie denn jetzt vorgegangen werden soll: Klar ist, dass man der Beziehung zu Jehova schaden könnte und Rechenschaft ablegen muss – wäre es dann vielleicht klüger, bei der alten Regelung zu bleiben? Und wenn es heißt, unterschiedliche Menschen könnten unterschiedliche Schlüsse ziehen – ist damit gemeint, je nach Situation oder eher je nach Festigkeit des Glaubens? Könnte das Hauptkriterium sein, wie viel Vollblut darin enthalten ist? Eine Tabelle soll dabei weiterhelfen. Diese musste von der Leitenden Körperschaft, die zwar nicht Herr über den Glauben ihrer Mitglieder ist, extra genehmigt werden. Die Leitung wird für die Gläubigen auch eine aktualisierte Version der Patientenverfügung bereitstellen. Offenbar ist das weiterhin nichts Privates, auch wenn sich jetzt diesbezüglich jede:r selbst vor Jehova zu verantworten hat.
Nicht mit anderen darüber reden
Neu ist ebenfalls, dass andere Gläubige sich nicht einmischen sollen, ja, man soll über dieses Thema gar nicht sprechen. Die Unterstellung, dass Ärztinnen und Ärzte das Gewissen der Patient:innen nicht respektieren könnten, macht deutlich, in welch gefährlichem Terrain die Gläubigen sich bewegen und dass sie auf Hilfe angewiesen sind (11:31):
„Nach Abwägung dieser und anderer Faktoren muss jeder Christ entscheiden, ob er einen Bestandteil oder eine Fraktion aus dem Blut einer anderen Person annimmt oder nicht. Die Versammlung wird sich in diese Entscheidung nicht einmischen, und einzelne Christen sollten nicht über andere urteilen. Es besteht in der Regel keine Notwendigkeit, diese persönlichen medizinischen Entscheidungen mit anderen Personen außerhalb der in Ihrer Patientenverfügung genannten Bevollmächtigten zu besprechen. Auf Ihren Wunsch hin steht das örtliche Krankenhaus-Verbindungskomitee bereit, Sie bei Ihrer Entscheidung zu unterstützen. Die Brüder können Ihnen helfen, Ärzte zu finden, die Ihr Gewissen respektieren, und sie werden Ihre Entscheidungen vertraulich behandeln. Was aber, wenn die berufliche Tätigkeit eines Christen mit Blut oder Blutprodukten zu tun hat? Die Grundsätze im Artikel „Fragen von Lesern“ in der Wachtturm-Ausgabe vom 15. April 1999 können dabei helfen, eine weise Entscheidung zu treffen und ein reines Gewissen zu bewahren.“
Kein Vollblut – Gläubige verantwortlich vor Jehova
Jackson stellt gegen Ende fest, dass dies viele Informationen seien. Der wesentliche Punkt sei aber (12:49):
„Jehovas Zeugen akzeptieren keine Transfusionen von Vollblut, noch spenden wir Vollblut, um es anderen zu transfundieren. Ebenso essen wir weder Blut noch unausgeblutetes Fleisch. Ob man jedoch Bestandteile oder Fraktionen akzeptiert, die aus dem Blut einer anderen Person stammen, ist eine Entscheidung, die jeder Christ selbst treffen muss. Ebenso muss jeder Christ entscheiden, ob er Bestandteile oder Fraktionen spendet, die aus seinem eigenen Blut gewonnen werden.“
Zum Schluss betont Jackson nochmals die Verantwortung der einzelnen Gläubigen und die Notwendigkeit „gewissenhafte Entscheidungen vor Jehova zu treffen“, bei „medizinischen Entscheidungen über Produkte aus Blut“ alle relevanten Faktoren gebetsvoll zu prüfen, so dass „ein reines Gewissen“ bleibt.
2. Fazit: Keine Übernahme von Verantwortung – kein Wort der Entschuldigung
Jackson bemüht also zwei Argumente, wie auch schon Lösch im Lagebericht Nr. 2: Die Bibel äußere sich nicht zu medizinspezifischen Themen rund um Blut, weshalb den Mitgliedern dazu keine Vorschriften gemacht werden sollen, die über die Schrift hinausgehen. Jackson zieht damit jenes theologische Argument heran, das Kritiker:innen seit Jahrzehnten vorbringen.
Das zweite Argument ist die Eigenverantwortung: Da es an einer expliziten biblischen Regelung für diese Bestandteile fehle, falle das in den Bereich der persönlichen Gewissensentscheidung. Nachdem die Organisation ihren Mitgliedern jahrzehntelang das Grund- und Menschenrecht auf körperliche Selbstbestimmung verwehrt und damit den Tod Zehntausender verschuldet hat, ist per sofort jede und jeder selbst (vor Gott) zu einer selbständigen Entscheidung aufgerufen.
So erleichtert manche Zeugen Jehovas, Ehemalige und (Menschenrechts-)Aktivist:innen über diese Änderung sind – sie lässt einen völlig sprachlos zurück. In der Ankündigung von Jackson gibt es keinen Satz zu den vielen Opfern, die mit ihrem Tod wie von der Leitung gefordert Loyalität und Gehorsam bewiesen haben. Jackson hat für sie kein Wort des Gedenkens oder der Würdigung, er bemüht sich nicht einmal um eine theologische Einordnung. Es ist als hätte es alle diese Opfer, all das mit der „Blutfrage“ verbundene Leid nie gegeben. Kein Wort der Entschuldigung, keine Übernahme von Verantwortung, nichts.
Einen Tag nach der Ankündigung der Lehränderung gibt es auf dem großen Aussteigerforum bei Reddit diesen Post einer Frau, die gerade ihre Mutter infolge des Blutverbots verloren hatte. Sie fragt in einem Telefongespräch mit einem Mitglied des Krankenhaus-Verbindungskomitees, wie viele Menschen, die vor der Aufhebung des Blutverbots gestorben sind, einen Tag später gerettet worden wären. Der Vertreter des Komitees verweist auf den Glauben der verstorbenen Mutter und ihre Gewissensentscheidung. Die Tochter entgegnet, dass diese „Gewissensentscheidung“ dadurch sichergestellt werde, dass Vertreter des Krankenhaus-Verbindungskomitees am Sterbebett von Gläubigen dafür sorgen, dass diese „standhaft bleiben“. Der Tod ihrer Mutter sei völlig sinnlos gewesen. Was sollte der Vertreter des Krankenhaus-Verbindungskomitees darauf sagen?
3. Wie gehen wir damit um?
Für viele Mitglieder der Zeugen Jehovas und Ehemalige, die von der Blutdoktrin betroffen waren oder gar Menschen auf diese schreckliche Weise verloren haben, ist das eine Tragödie. Viele von ihnen durchleben diese Tragödie mit der aktuellen Lehränderung gerade erneut.
Die Leitung der Zeugen Jehovas übernimmt keinerlei Verantwortung. Damit hat sie am 18. September 2026 faktisch verkündet, dass alles dieses Leid der Betroffenen und der Tod Zehntausender sinnlos war. Gleichzeitig bürdet die Leitung damit ihren Mitgliedern die ganze Verantwortung auf. Welche Last muss es für viele (ehemalige) Älteste und Mitglieder des Krankenhaus-Verbindungskomitees sein, dass sie Menschen darin bestärkt haben, auf Blut zu verzichten? Wie schwer mag es für viele Eltern sein, dass sie ihren Kindern die Blutkarte in den Schulranzen gesteckt haben trotz der Angst, ihnen könnte etwas zustoßen? Und wie viele Kinder tragen schwer daran, dass ihre Eltern den Glauben über sie stellten?
Wie sollen wir alle mit diesem Leid umgehen? Mit dieser Schuld? Und mit dieser Sinnlosigkeit?
Und wie gehen wir als demokratische Gesellschaften damit um, dass in unserer Mitte Zehntausenden von Menschen im Namen der Religionsfreiheit das Grund- und Menschenrecht auf Leben abgesprochen wurde?
Es ist uns als Verein JZ Help wichtig, besonders jetzt, angesichts dieser Lehränderung, der vielen Opfer der Blutdoktrin zu gedenken: All der Menschen, die infolge der Vorgaben der Leitung der Zeugen Jehovas verstorben sind. All der Kinder, die ohne ihre Mütter oder Väter aufwachsen mussten und all der Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Unsere Gedanken sind auch bei all jenen, die ihre Familien und Freunde verloren haben, weil sie sich gegen die Vorgaben der Organisation gestellt haben. Und wir denken auch an alle Menschen, die nach einer Operation nie mehr richtig gesund werden konnten, obwohl es die Möglichkeit der Genesung gegeben hätte.
Wir werden das Leid aller Betroffenen niemals vergessen. Wir fordern von der Wachtturm-Organisation eine offizielle Entschuldigung und eine Wiedergutmachung.

