Ein Mahnmal – verschiedene Perspektiven zur Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus

Am 24. Juni 2026 wurde das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Bibelforscher durch die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner eingeweiht. Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich diesem Mahnmal interpretiert wurde.

Julia Klöckner betonte In ihrer Rede, dass dies kein Denkmal für eine Institution sei – sondern für verfolgte Menschen. Keine Verbeugung vor einer Religionsgemeinschaft – sondern eine Verbeugung vor Opfern von Verfolgung.

Sie schloss ihre Aufzählung mutigen Handelns verfolgter Bibelforscher mit den Worten: „[Dieses Denkmal] gilt den Menschen, die bitteres Unrecht erlitten und dennoch immer wieder Menschlichkeit zeigten. Gewidmet ist es ihrem Leiden, ihrem Mut und ihrer Gewissensfestigkeit. “

Nach Klöckners Worten soll dieses Denkmal ein Zeichen für eine Erinnerungskultur sein, in der die Freiheit des Glaubens, der Weltanschauung und des Gewissens geschützt wird – wobei sie ausdrücklich auch die Freiheit erwähnt, eine Religionsgemeinschaft zu verlassen oder zu kritisieren. 

Die Rede endet mit der eindringlichen Erinnerung: „Die Demokratie achtet die Würde des einzelnen Menschen. … Das nie zu vergessen, auch dafür steht dieses Denkmal.“ 

Dieses Mahnmal ist für viele Menschen demnach eine ständige Mahnung, die Würde jedes Menschen zu achten.

Bedeutet das Mahnmal für Zeugen Jehovas dasselbe? 

Auf JW.Org wird am 16.07.26 in der Rubrik Nachrichten die Einweihung dieses Denkmals beschrieben, allerdings wird sie hier in einen anderen Gesamtzusammenhang eingebettet.

Klöckner wird in dem Artikel mit einer Aufzählung mutigen Handelns verfolgter Bibelforscher zitiert. Später werden diese Bibelforscher in eine Reihe mit Glaubensmenschen aus dem Bibelbuch Hebräer, Kapitel 11 gestellt, und am Ende wird wie folgt auf die weltweite Verfolgung von Zeugen Jehovas hingewiesen: „Auf der ganzen Welt müssen unsere Brüder und Schwestern mit Glaubens­prüfungen und Widerstand fertigwerden. Wir sind zuversichtlich, dass Jehova auch sie „mutig und stark“ machen wird (Psalm 138:3).“

Das erwähnte Kapitel 11 des Hebräerbriefs kennen fast alle Zeugen Jehovas – auch das Beispiel Abrahams aus Vers 17: „Aufgrund von Glauben brachte Abraham Isaak so gut wie als Opfer dar, als er auf die Probe gestellt wurde. Der Mann … war bereit, seinen einziggezeugten Sohn zu opfern“ 

Insgesamt bindet der Artikel das Mahnmal zum Gedenken an verfolgte Bibelforscher also in ein typisches Set an Grundüberzeugungen ein: Die Notwendigkeit absoluten Gehorsam. Das Übergehen des eigenen Gewissens. Das Fördern von Angst vor einer Welt, die den eigenen Glauben nicht teilt. 

Ich kann mich selbst fragen: In welcher Welt möchte ich eigentlich leben? In einer Welt, in der alles daran gesetzt wird, die Würde jedes Menschen zu achten? Oder in einer Welt, in der absoluter Gehorsam als höchster Wert angesehen wird?


Übersicht – Verfolgung der Bibelforscher im Nationalsozialismus