Bericht von Birgit Kluge, Vorstandsmitglied von JZ Help e.V.
Da ich als Zeugin Jehovas in der vierten Generation aufwuchs, waren beide Ursprungsfamilien meiner Eltern irgendwie von der NS-Verfolgung betroffen. Die Familie meines Vaters hatte wohl das Glück, diese dunkle Zeit etwas abseits und geschützt durch eine Dorfgemeinschaft zu überstehen. Das traf auf die Familie meiner Mutter nicht zu. Sie geriet schnell in den Fokus des NS-Regimes.
Manchmal erzählte meine Mutter uns Kindern von ihrem Vater. Ich habe ihn dabei als einen sehr gläubigen Bibelforscher (und späteren Zeugen Jehovas) kennengelernt, der sich durch nichts davon abhalten ließ, seinen Glauben auszuüben – auch nicht durch das Verbot des NS-Regimes.
Die Standhaftigkeit meines Großvaters und seiner Familie führte irgendwann zu einer Machtdemonstration der Nationalsozialisten. Ein Parteimitglied wurde in ihr Haus einquartiert. Außerdem wurde mein Großvater (der damals bereits zwei Kinder hatte) zwangssterilisiert. Der ausführende Arzt, soll zu meinem Großvater als Begründung direkt gesagt haben: „So eine Gesinnung darf sich nicht ausbreiten.“
Diese Aussage des Arztes prägte die weitere Weltsicht meiner Familie. Sie wurde als eine Art Kampfansage an ihren Gott Jehova aufgefasst. Und Gott antwortete, indem die Familie wie durch ein Wunder den Untergang der torpedierten „Wilhelm Gustloff“ überlebte. Auch dass meine Eltern später fünf Kinder bekamen, wurde als Antwort Gottes angesehen. Der Gott Jehova triumphierte so über seine Widersacher.
Das Unrecht des NS-Regimes an meinem Großvater war stets eingebettet in einen universellen Kontext – in den Kampf zwischen Gut und Böse. Mein Großvater wurde zu einem Märtyrer, dessen Leid nur dadurch gewürdigt werden konnte, dass seine Nachkommen genauso loyal der Leitung der Zeugen Jehovas gehorchten wie er.
Dieser familiäre Auftrag hat mich lange Zeit an der Frage gehindert, ob ich eigentlich als Zeugin Jehovas leben wollte. Ich fühlte mich moralisch dazu verpflichtet. Erst als ich allmählich das Gefühl bekam, die strikten Regeln der Gemeinschaft könnten meinen Kindern langfristig schaden, war ich gewillt, meine Bedenken ernst zu nehmen und Jehovas Zeugen zu verlassen. Meine Eltern und Geschwister konnten meine Entscheidung nicht verstehen. Das erlittene Leid meiner Familie war zu stark instrumentalisiert worden, als dass meine realen Bedenken in ihrem Denken Platz finden konnten.
Mich schmerzt, wie viel Leid durch die NS-Verfolgung in meiner Familie entstanden ist. Und gleichzeitig bedauere ich, dass das von der heutigen Organisation der Zeugen Jehovas gewählte Narrativ dieses Leid noch vergrößert, indem es ein gemeinsames Trauern der ganzen Familie unmöglich macht.
Wie hat sich die Verfolgung Deines Großvaters und anderer Verwandter auf Dich ausgewirkt, die Du später die Organisation verlassen hast?
Die Integrität meines Großvaters hatte mich immer beeindruckt. Wie er wollte auch ich für hohe Werte einstehen. Für mich hieß das vor allem, danach zu handeln, was ich als wahr erkannte. Letztlich führte genau dieses Bestreben dazu, dass ich die Religion meiner Familie verließ. Dass gerade dieser Wunsch nach Integrität, der mir ja von meinen Eltern vermittelt worden war, mich so brutal von meiner Familie trennen würde – damit hatte ich nicht gerechnet. Meine Familie konnte meine Integrität nicht anerkennen und wollte nach dem Verlassen der Organisation nichts mehr mit mir zu tun haben. Meine Gegenwart wurde für sie so unerträglich, dass sie sogar den Tod meiner Mutter ohne mich betrauern wollte. Das hat mich verletzt und macht mich noch heute traurig.
Wie hast Du die vielen Wachtturm-Berichte erlebt, die diese Verfolgung regelrecht bewirtschaftet haben? Wie war das für Deine Familie?
Ich weiß nicht, wie diese Berichte von meiner Familie erlebt wurden, weil wir nur wenig darüber geredet haben. Meine Familie lebte aber stets sehr zurückgezogen und blieb zu Menschen, die nicht zur Familie gehörten, eher auf Distanz. Diese Vorsicht führe ich auch auf die erlebte Verfolgung und die regelmäßig veröffentlichten Verfolgungs-Berichte zurück.
Gerade die Berichte über die NS-Verfolgung im Jahrbuch 1974 haben mich persönlich sehr verängstigt. Damals schlug die Endzeiterwartung der Zeugen Jehovas gerade hohe Wellen, und wir erwarteten heftige Verfolgung. Ich habe die Berichte deshalb mehrmals gelesen, um mich auf diese Verfolgung wie auf eine Prüfung vorzubereiten. Von anderen ehemaligen Zeugen Jehovas weiß ich, dass sie das auch gemacht haben. Daher denke ich, dass solche Empfehlungen wohl auch mehr oder weniger öffentlich gegeben worden sind. Aufgrund meiner Familiengeschichte hat jedes Lesen dieser Berichte mich traumatisiert und bei mir das Gefühlt von Hilflosigkeit verstärkt, was mich voller Angst Zuflucht bei meinem Gott suchen ließ. Dieser Gott war lange unauflösbar mit der Organisation der Zeugen Jehovas verbunden. So war ich sehr lange eine fleißige Zeugin Jehovas.
Wie würdest Du Dir wünschen, dass Nachkommen von Opfern, die nicht mehr in der Organisation sind, in das Gedenken einbezogen werden?
In meiner Familie habe ich gemerkt, wie weitreichend sich die durch die Verfolgung entstandene Traumatisierung auswirken kann. Trauma war wahrscheinlich stark an einem Gefühl von Fremdheit und Vorsicht beteiligt, das ich zu Hause oft als Grundstimmung wahrgenommen habe.
Ich glaube, dass wir Trauma nur gemeinsam überwinden können. Und genau das wünsche ich mir. Dass alle, deren Familiengeschichte durch solche Gräueltaten geprägt worden ist, durch gemeinsame Trauer heilen können. Ob das mit der Organisation der Zeugen Jehovas möglich ist, kann ich nicht beurteilen.
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