„Ich hatte damit zu leben, ein Angezählter zu sein“ – Nachfahren verfolgter Bibelforscher berichten

Bericht von Vereinsmitglied A., Enkel verfolgter Bibelforscher

Es gab in meiner Familie seit ich denken kann viele erzählte Bezüge zum Krieg, und zum Nationalsozialismus und seinen Schrecken. Sie waren fester Bestandteil in den Gesprächen meiner Eltern und Großeltern, nicht permanent, aber häufig genug, um mir großen Eindruck zu machen. Die mütterliche Familie war vor der Nazizeit bereits Bibelforscher gewesen und hat unter Hitler grauenhaftes erlebt. Mein Vater war Kampfbomberpilot und vielfach an der Front geflogen. Er hat nicht viel erzählt aus dieser Zeit, die wenigen Dinge, die ich erinnere sind aus der Hölle. 

Was ich noch am präsentesten habe sind die Fragmente über die Verfolgung der mütterlichen Bibelforscher-Verwandtschaft. Sie lassen mir noch heute die Haare zu Berge stehen. 

Eines davon ist: In einer konzertierten SA-Razzia im Jahr 1937 wurden alle männlichen Bibelforscher-Familienmitglieder an einem Tag inhaftiert und waren verschwunden. Sie waren über ganz Süddeutschland verteilt gewesen. Meine Großmutter und meine damals 10-jährige Mutter konnten, gewarnt von der Ehefrau eines hohen SA-Funktionärs, als einzige unbeschadet ins Ausland fliehen. Mein Großvater, ein lokal prominenter Geschäftsmann, war in seinem Büro leicht aufzuspüren gewesen und blieb bis 1945 verschwunden.

Begriffe wie „Verfolgung“, „Inhaftierung“, „Folter“, „Gaskammer“, „Zyklon B“, „Ermordung“, „Tod durch den Strick“ … waren mir aus den Familienerzählungen von klein auf geläufig. Meist wurden diese für mich schaurig-eindrucksvollen Gespräche mit der großmütterlichen Mahnung verbunden, dass wir alle uns auch auf eine solche Verfolgung einstellen müssten, denn treuen Anbetern Jehovas bliebe so etwas auch in Zukunft nicht erspart. Jederzeit, überall könne es losgehen, jeder könne dran sein, durch irgendwen von irgendwoher käme die Attacke auf unser aller Leben … Rettung könne nur aus einem unverrückbaren Glauben über den Tod hinaus kommen. 

Genau genommen war das eine an mich gerichtete diffuse Terrorwarnung, und ein Appell niemals entspannt zu sein. Ich hatte damit zu leben, ein Angezählter zu sein. 

Im Nachlass meiner Großmutter fand ich dutzende grausiger schwarz-weiße Fotografien: nackte fast skelettierte Männer, offene Verbrennungsöfen, Leichenberge, ein Tor mit der Aufschrift „Jedem das Seine“. Es sind Fotos aus dem KZ Weimar-Buchenwald (vermutlich hat meine Großmutter die Fotos von Alfred Stüber, einem befreundeten Glaubensbruder und Fotografen bekommen: https://www.buchenwald.de/geschichte/mediathek/fotogalerie/alfred-stueber) Die Fotos waren in einem Couvert zusammen mit zahlreichen zensierten, handschriftlichen Briefen rätselhaften Inhalts. In einem steht: „… man vermag sich die Fülle der Tomaten, die an diesen westöstlichen Berggehängen durch Insektenfraß verderben nur zu erklären, indem man bedenkt wer dort und mit wem war: gute Frucht von Haubitze beleuchtet.“ An diese irr anmutenden Briefe war eine mit Schreibmaschine geschriebene, mehrseitige Wörterliste getackert, die sich als die Dechiffriercodes der Substantive herausstellte: Tomaten = Opfer, Berggehänge = Galgen, Insekten = KZ-Wächter, gute Frucht = Glaubensbrüder und -schwestern, (Haubitze = unleserlich), Beleuchtung = Mondschein. 

Die Briefe sind chiffrierte Beschreibungen der Vorgänge im KZ, die meine Großmutter irgendwie zugespielt bekommen hatte. Sie sind alle unterzeichnet mit „Dein Onkel Bommel mit Vetter W.“. 

Bommel war ein Cousin meines Großvaters Wilhelm. Der wurde im April 1945 schwerst verletzt von der US-Armee aus Buchenwald befreit, kam über ein US-Lazarett zurück nach Hause, und wurde bis zu seinem Tod in seiner Heimatversammlung wie ein strahlender Held verehrt. Er starb 1954 an den Folgen seiner Misshandlungen. Keiner der anderen Verwandten hat Buchenwald überlebt. Manches Mal schon habe ich gedacht, ob auf einer dieser Fotografien wohl einer meiner Verwandten zu sehen sein mag. Ausgemergelt, mit erloschenem Blick in die Kamera schauend, oder gar ganz erloschen auf einem der Leichenberge, oder noch schlimmer mittendrin …

Meine Großmutter hat aber nicht nur von den Schrecken dieser Zeit erzählt. Ihre Augen haben geleuchtet, wenn sie von den Bibelforscher-Tagen vor dem Krieg berichtet hat. Von der Zeit, als alles noch nicht durchorganisiert, standardisiert und reglementiert, noch nicht so amerikanisch war. Als alle einander kannten, und man eine Art weltweiter Geheimbund war. Es muss wohl eine sehr inspirierende, neugierige, sehr intellektuelle und aufbauende Gemeinschaft gewesen sein, die sich da zusammengetan hatte. Vieles wurde gemeinschaftlich erschaffen und erkundet, und die Lehre eher frei gelebt. In Europa gab es ja gerade mal ein paar tausend Bibelforscher. 

Diese Erinnerungen haben sie vermutlich über die schrecklichen Jahre des Dritten Reichs getragen, und wohl auch noch lange nach dem Krieg, als sie schon Witwe war, und sich in ihrer Religionsgemeinschaft alles verändert hatte. Sie wurde mit zunehmendem Alter ein wenig bockig, und hat auch wider das Zeugen-Jehovas-Verbot gern geraucht, gern geflirtet, immer meinen Geburtstag mit mir gefeiert (im Geheimen natürlich), und auch gern Weihnachtslieder gesungen. All die Dinge, die die Bibelforscher vor dem Krieg selbstverständlich taten, ließ sie sich von den Zeugen Jehovas nicht nehmen.

Mein Vater kam erst nach dem Krieg zu den Zeugen Jehovas. Weil er als Luftwaffen-Soldat im Krieg so grausige Dinge getan und erlebt hatte, wurde er, als alles vorbei war, ein radikaler Pazifist. Der konsequente Widerstand der Bibelforscher, und ihre Interpretation der friedvollen Botschaft der Bibel hat ihm wohl so imponiert, dass er begonnen hat, die Zusammenkünfte zu besuchen, dort meine Mutter kennengelernt hat, und schließlich ein 1948 Zeuge Jehovas wurde, vor allem wohl des Friedens-Auftrags wegen. Ein Bild, dass ihn sehr beeindruckt hat war das Lamm, das beim Löwen weilen kann, ohne Gefahr, ohne Angriff, ohne Kampf, ohne Schmerz und Tod. Es war dieser beinahe kindliche Wunsch, dass all dieses Grausame eines Tages nicht mehr sein sollte, der ihn bis zu seinem Tod Kraft gegeben hat. Was er alles für Kriegs-Bilder mit ins Grab genommen hat, vermag ich mir nicht auszumalen. Er hat viel geschrien im Schlaf, auch im hohen Alter.

Geblieben ist mir also – neben den ganzen Erinnerungen – das Couvert mit den Fotos, den scheinbar unsinnigen Briefen mit den vielen geschwärzten Stellen, und der getippten Liste mit den Dechiffrierungen. 

Was über all die Jahre noch geblieben ist, ist in meiner Familie eine diffuse, hohle und lähmende Angst vor Verfolgung. Von denen, die den Krieg und seine Schrecken erlebt haben, ist keiner mehr da. Die Angst schon.

„Jederzeit, überall kann es losgehen, jeder kann dran sein, durch irgendwen von irgendwoher kommt die Attacke auf unser aller Leben.“

Vor diesem traumatisierenden Hintergrund kann ich die alten Familien-Erzählungen nachvollziehen, kann den Schmerz und die Ohnmacht nachfühlen, den diese Verluste bedeutet haben müssen, und die meine Kindheit und Jugend so stark geprägt haben. Ich selbst leide nicht unter diesen Eindrücken, aber in dunkleren Stunden fasst mich von Zeit zu Zeit ein Gefühl an, dass ich irgendwie gefährdet bin, bedroht, und, dass ich mich gefasst machen muss. Ich weiß nur nicht auf was.

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Wie hat sich die Verfolgung Deines Großvaters und anderer Verwandter auf Dich ausgewirkt, der Du später die Organisation verlassen hast?

Es war durchaus so, dass ich mich – neben all den Gefühlen von Befreiung, Offenheit und neuen Möglichkeiten – auchals Verräter meiner Familie gefühlt habe. Ich habe mich ja bewusst von all dem abgewandt, wofür meine Ahnen ihr Leben gegeben hatten. Ihre Ideale waren mir scheinbar nichts wert. 

Wie hast Du die vielen Wachtturm-Berichte erlebt, die diese Verfolgung regelrecht bewirtschaftet haben? Wie war das für Deine Familie?

Es hat sich vermutlich angefühlt wie eine Bestätigung. Ich kann mich nicht detailliert erinnern, aber in meiner Familie hat man sich – bescheiden und unbescheiden gleichzeitig – als Teil einer Elite gefühlt, die weiß „was Sache ist“. Diese Berichte waren sicherlich wie ein Schulterschlag für sie: „Ihr wart dabei“. Und nachdem es ja immer um das Weltendrama „Gut oder Böse“ ging, eine klare und offizielle Bestätigung, dass meine Familie zu den Guten gehört.

Wie würdest Du Dir wünschen, dass Nachkommen von Opfern, die nicht mehr in der Organisation sind, in das Gedenken einbezogen werden?

Die Belastungen einer solchen Familien-Traumatisierung sind vermutlich tief in den Systemen der Nachkommen, egal ob noch im Bekenntnis der Zeugen Jehovas lebend, oder nicht. Am Beispiel meiner Erinnerungen kann man das gut sehen. Ich denke, dass einfach alle Nachkommen der Opfer in dieses große Gedenken einbezogen werden sollten. Auch wenn ich Schwierigkeiten damit habe, mir vorzustellen, wie genau man das aus der Perspektive der ja sehr engen und rigiden Zeugen Jehovas heraus formulieren müsste … keiner sollte ausgenommen sein. Aber damit haben die Zeugen Jehovas sicher so ihre Probleme, deren Themen ja fast alle etwas Ausgrenzendes haben, und selten offen, weit und großzügig sind. Ein Gedenken ist etwas Großzügiges, finde ich.


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