ÜberLebensweg – Benj aus der Schweiz

Benj
1. Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen? 

Meine Mutter stammt aus einer Familie, die seit mehreren Generationen den Zeugen Jehovas angehört. Mein Vater ist als junger Erwachsener dazugekommen.

2. Wie hast du dein Leben, deinen Alltag in dieser Religionsgemeinschaft erlebt?

Meine Kindheit bis zur Pubertät war eine glückliche. Ich fühlte mich geborgen und sicher in „Jehovas Volk“. Ich liebte Diskussionen über biblische Themen und wurde oft für meine “geistige Gesinnung” gelobt. Während der Versammlungen glänzte ich nur zu gern mit durchdachten Kommentaren (wie ich mir einbildete), brillanten Bibellesungen und hervorragenden Kurzvorträgen. Wie jedes nach Anerkennung suchende Kind, suhlte ich mich im Lob der getauften Zeugen. Der Predigtdienst allerdings war immer ein Problem für mich. Während der Versammlungen hieß es immer, man solle Freude am Predigtwerk haben. Diese Freude, von der Pioniere mit leuchtenden Augen berichteten, habe ich nie verspürt. Als Teenager dann las ich ungeheuer viele Bücher, vor allem Fantasy, obwohl mich das hätte in Schwierigkeiten bringen können. Die Pubertät war auch so ein Thema. Es kommt ja leider oft vor, dass Eltern nicht mit der erwachenden Sexualität ihrer Kinder umgehen können, aber bei uns erreichte das alptraumhafte Ausmaße. Was war meine Mutter doch darauf bedacht, ihren Sohn vom Masturbieren abzuhalten. Ich könnte heute noch kotzen. Und dann war da noch die Versammlung, in der ich aufwuchs. Leider entwickelte sich innerhalb der Versammlung eine gehässige Stimmung, die ich mir bis heute nicht erklären kann. Plötzlich stand meine Familie im Abseits, wurde gemieden und verbal attackiert. Es war schon grotesk. Auf der einen Seite waren dies unsere “Brüder und Schwestern”, Jehovas auserwähltes Volk, die einzigen Menschen in weitem Umkreis, mit denen wir guten Gewissens unsere Freizeit verbringen durften, andererseits wurden wir wie Dreck behandelt. Und das, obwohl meine Familie als vorbildlich galt, mein Vater war (und ist bis heute) Ältester. Unzählige Male kamen wir weinend von der Versammlung nach Hause. Hässliche Machtspielchen und Zänkereien wurden zur Gewohnheit. Das Ganze ging so weit, dass meine Familie schließlich die Versammlung wechselte.

3. Wie kam es, dass du nun kein Mitglied der Zeugen Jehovas mehr bist?

Während des Bibelstudiums stolperte ich im Alten Testament über eine Bibelstelle, in der den Israeliten von Gott befohlen wird, in einer Stadt der Kanaaniter nichts und niemanden am Leben zu lassen. Keinen Mann, keine Frau, kein Kind, kein Tier… gar nichts. Ich sah aus dem Fenster und sah eine Frau mit Kinderwagen vorbeilaufen. Das Kopfkino begann. Wenn Jehova mir in diesem Moment befehlen würde, diese Frau und ihr Kind zu töten… würde ich das tun? Etwas in mir zerbrach. Ein Riss, den ich trotz lebenslang antrainierter kognitiver Dissonanz nicht schließen konnte. Da war ich zwanzig Jahre alt.

4. Wie stark warst du im Glauben und in der Gemeinschaft verankert? 
Wann und warum hast du begonnen zu zweifeln und deinen Glauben in Frage zu stellen?

Die Zeugen waren alles was ich kannte. Jeder Mensch zu dem ich engeren Kontakt hatte, war ein Zeuge Jehovas. Wenn ich auf einem Kongress die Augen schloss und das Gemurmel tausender Brüder und Schwestern hörte, konnte ich Jehovas Heiligen Geist spüren. Ich WOLLTE ins Paradies. Heute muss ich mir zu meiner Schande eingestehen, dass es auch andere Gründe gab, die mich in der „Wahrheit“ hielten. Als Zeuge war ich allen „Weltmenschen“ überlegen. Ich gehörte zur Elite, zu den wenigen, die Armagedon überleben würden. Und als männlicher Zeuge Jehovas auf bestem Weg zum Dienstamtgehilfen fühlte ich mich den Schwestern hierarchisch überlegen. Einem jungen Mann kann so etwas schnell zu Kopf steigen.

5. Bist du von Ächtung betroffen? Wenn ja, in welchem Ausmaß?

Die Augen meines Vaters schwammen in Tränen, während er mir ins Gesicht sagte: “Mir wei mit dir ke Kontakt“ (Wir wollen keinen Kontakt zu dir). Und dabei ist es bis heute geblieben. Am 1. Mai 2020 habe ich mich ausschließen lassen. Im Nachhinein fühlt es sich so an, als ob sich fast alle Menschen, die ich kenne, in einen Bus gesetzt hätten und mit 200 km/h in eine Betonmauer gerast wären. Die einzigen Leute, die mich noch wie einen lebendigen Menschen behandelten, waren meine Arbeitskollegen.

6. Wie geht es dir heute? Mit welchen Auswirkungen hast du noch zu kämpfen?

Jeder Tag ist ein Kampf. Aufstehen. Arbeiten gehen. Funktionieren. Die Gedanken an meine Familie ausblenden. Keine Stille zulassen, denn mit der Stille kommen die Dämonen. Weitermachen. Nicht an Selbstmord denken. Durchhalten bis ich nach Hause komme. Mich in den Schlaf weinen. Ein vierundzwanzig jähriger Mann der sich in den Schlaf weint, weil er sich nicht zu helfen weiß.

7. Welches Fazit ziehst du für dich persönlich aus deiner Vergangenheit?

Meine gewonnene Freiheit ist mehr wert, als die Liebe meiner sogenannten „Familie und Freunde“.

8. Welchen Rat möchtest du Interessierten der Glaubensgemeinschaft, bzw. bereits zweifelnden Mitgliedern mitgeben?

Trefft keine Entscheidungen, für die eure Kinder einmal leiden werden. Denkt immer daran: Wer die Zeugen Jehovas in irgendeiner Weise unterstützt, macht sich mitschuldig am Leiden tausender, vielleicht auch zehntausender Menschen, die in der Organisation gefangen sind. Und baut euch ein soziales Netzwerk außerhalb der Zeugen auf, bevor ihr euch ausschließen lasst. Gut möglich, dass euch das eines Tages das Leben rettet.