Auch Lettland ermittelt gegen die Zeugen Jehovas

Religiöse Organisation der Zeugen Jehovas wird auf Einhaltung der Vorschriften untersucht

Bericht im Baltic News Network vom 31. März 2022
Übersetzung durch JZ Help

Die lettische Staatsanwaltschaft hat eine Überprüfung der religiösen Organisation der Zeugen Jehovas auf die Einhaltung der Gesetze des Landes eingeleitet, wie die Strafverfolgungsbehörde bestätigt.

Das Büro des Staatsanwalts berichtet, dass diese Woche zwei Artikel bei TVNet veröffentlicht wurden. Der Inhalt dieser Artikel deutet darauf hin, dass die Aktivitäten der genannten religiösen Organisation möglicherweise gegen die lettische Verfassung und andere Gesetze verstoßen und die öffentliche Ordnung, die Gesundheit und die Tugenden der Menschen gefährden könnten.
Nach dem Gesetz über religiöse Organisationen darf sich niemand aufgrund seiner religiösen Ansichten über das Gesetz hinwegsetzen, und religiöse Organisationen können durch Gerichtsbeschluss geschlossen werden, wenn festgestellt wird, dass die Aktivitäten der genannten religiösen Organisation gegen die Verfassung oder andere Gesetze und Vorschriften verstoßen. Nur der Generalstaatsanwalt ist befugt, einen solchen Antrag an ein Gericht zu stellen.

Gemäß der Verfügung des amtierenden Generalstaatsanwalts vom 30. März ist der mit dem Fall betraute Staatsanwalt angewiesen, die Vereinbarkeit der Aktivitäten religiöser Organisationen der Zeugen Jehovas mit den lettischen Gesetzen und Vorschriften zu überprüfen.

Die Staatsanwaltschaft erinnert daran, dass der Generalstaatsanwalt am 23. März 2020 beim Bezirksgericht Vidzeme einen Antrag auf Einstellung aller Aktivitäten der religiösen Organisation Erste Evangelische Gemeinde Jesu gestellt hat.

Die Staatsanwaltschaft führte auch Inspektionen durch und beantragte am 10. November 2021 beim Pārdaugava-Gericht der Stadt Riga die Einstellung aller Aktivitäten der Evangelisch-Christlichen Kirche „New Generation Riga Congregation“ und der „New Generation Evangelical Christian Church“.

Älteste befolgten Anweisungen der Zentrale – und werden verurteilt wegen unterlassener Meldung von Kindesmissbrauch

Jehovah's Witnesses elders Colin Scott and Michael Penkava attend a Dec. 16, 2021, court hearing in Woodstock. On Friday they were sentenced to one year of court supervision, 10 hours of community service and $250 in fines for failing to report that a congregant was sexually abusing a child.
Die Zeugen Jehovas-Ältesten Colin Scott und Michael Penkava nehmen an einer Gerichtsverhandlung am 16. Dezember 2021 in Woodstock teil. Am Freitag wurden sie zu einem Jahr gerichtlicher Aufsicht, 10 Stunden gemeinnütziger Arbeit und 250 Dollar Geldstrafe verurteilt, weil sie nicht gemeldet hatten, dass ein Gemeindemitglied ein Kind sexuell missbrauchte. Patrick Kunzer für Shaw Local

Älteste der Zeugen Jehovas zu gerichtlicher Aufsicht und gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil sie den sexuellen Missbrauch eines Kindes nicht gemeldet haben   

Artikel im Daily Herald vom 26. März 2022
Übersetzung durch JZ Help

Von Amanda Marrazzo
Shaw Medien

Aktualisiert am 26.3.2022 um 4:47 Uhr

Zwei Älteste der Zeugen Jehovas wurden am Freitag zu einem Jahr gerichtlicher Aufsicht, zehn Stunden gemeinnütziger Arbeit und 250 Dollar Geldstrafe verurteilt, weil sie nicht gemeldet hatten, dass ein Gemeindemitglied ein Kind sexuell missbraucht hatte.

Michael Penkava, 72, und Colin Scott, 88, die seit Jahrzehnten als Älteste der Zeugen Jehovas wirken, wurden am 18. März wegen Verstoßes gegen das Gesetz über die Meldung von Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern (Abused and Neglected Child Reporting Act) für ein Vergehen der Klasse A schuldig gesprochen.

Ihr Versäumnis, den Missbrauch im Jahr 2006 zu melden, hatte zur Folge, dass das Kind zwölf Jahre lang sexuell missbraucht wurde und „300 Mal mehr als vermeidbar“, sagte der stellvertretende Staatsanwalt Ashur Youash.

Er beantragte, die Männer zu 12 Tagen Haft im McHenry County Gefängnis zu verurteilen, was einem Tag für jedes der 12 Jahre entsprechen würde, in denen das Mädchen sexuell missbraucht wurde. Er verlangte außerdem, dass sie 30 Monate gemeinnützige Arbeit leisten, 2.500 Dollar Strafe zahlen und ein vorgeschriebenes Meldeprogramm absolvieren müssen.

Beide Männer wollen gegen die Verurteilung Berufung einlegen, wie ihre Anwälte am Freitag mitteilten.

„Es ist möglich, in gutem Glauben zu handeln und trotzdem im Unrecht zu sein“, sagte Penkavas Anwalt, Philip Prossnitz. „Er hatte keinen Nutzen davon. Er hat dem Missbraucher nicht geholfen.“

Scotts Anwalt, Terry Ekl, sagte auch, es sei „reine Spekulation“ zu behaupten, dass der Missbrauch auch tatsächlich aufgehört hätte, wenn die Ältesten ihn gemeldet hätten, als das Mädchen sechs Jahre alt war. Er sagte, auch die Mutter habe gewusst, dass sie missbraucht wurde, und habe es nicht verhindert oder gemeldet.

Vor der Verurteilung am Freitag sagte Penkava, dass er die Auskunft, die er 2006 vom Welthauptquartier der Zeugen Jehovas in New York erhalten hatte, dass er nicht verpflichtet sei, den Behörden Aussagen über den sexuellen Missbrauch des Kindes zu melden, für „vertrauenswürdig und korrekt“ gehalten habe.

Die Anschuldigungen, dass Arturo Hernandez-Pedraza, ein Gemeindemitglied, das Kind sexuell missbraucht habe, wurden stattdessen von einem Rechtskomitee aus drei Ältesten durch Gebet und geistliche Führung behandelt. Das Mädchen berichtete Penkava 12 Jahre später, dass der Missbrauch nie aufgehört habe, woraufhin er sich mit ihr zur Polizei von Crystal Lake begab. Hernandez-Pedraza, 44, wurde verurteilt und musste 2019 für 45 Jahre ins Gefängnis.

„Ich hatte volles Vertrauen und Glauben in Gott und das Justizkomitee“, sagte Penkava. „Ich habe nie in böser Absicht gehandelt. Ich habe wirklich geglaubt, dass ich das Gesetz von Illinois befolgt habe. Es tut mir sehr leid für alle, die unter dieser äußerst traurigen Situation leiden. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt an der Vertuschung des Missbrauchs eines Kindes beteiligt“.

In seiner Erklärung vom Freitag ging Penkava ausführlich auf seine 45 Jahre als Zeuge Jehovas ein, davon 35 Jahre als Ältester. Er sprach über seine 35 Jahre als Lehrer an der West Elementary School in Crystal Lake, wo er seine Schüler „beschützt“ und als seine Familie betrachtet hat.

Penkava schrieb früher als freiberuflicher Kolumnist für den Northwest Herald.

Er sagte, dass er als Mitglied der Zeugen Jehovas und als Anhänger des Glaubens gelernt habe, zu lieben und zu respektieren, und dass ihn das dazu gebracht habe, ein „gutes Mitglied der Gesellschaft“ zu sein.

Scott, der der Verurteilung von zu Hause aus via Zoom beiwohnte, beschrieb ebenfalls seine lange Geschichte mit den Zeugen Jehovas, die mit seiner Geburt begann. Er reiste in verschiedene Bundesstaaten und nach Kolumbien, unterstützte die Glaubensgemeinschaft und baute Königreichsäle. Er beschrieb sich selbst als gesetzestreuen Bürger, liebevollen Vater, Großvater und Ehemann während 66 Jahren, bis seine Frau im Jahr 2020 starb.

„Die Zeugen Jehovas vertreten eine hervorragende Lebensweise, die sich an den Grundsätzen der Bibel orientiert“, sagte Scott. „Der Glaube Jehovas hat mich dazu gebracht, ein treuer Ehemann und Vater zu sein. … Ich bedaure zutiefst, jemanden durch mein Handeln Schaden zugefügt zu haben.“

Ekl beschrieb Scott als einen „guten und anständigen Mann … einen guten, ehrlichen Mann“.

Penkava und Scott waren beide seit 2002 zur Meldung verpflichtet und bekleideten eine Vertrauensposition in der Gemeinde und ließen das Kind im Stich, indem sie den Missbrauch nicht meldeten, sagte Youash.

„Wenn man hört, dass ein Kind missbraucht wird, ruft man nicht die Rechtsabteilung an. Man tut das Richtige, Herr Richter“, sagte er zu McHenry-County-Richter Mark Gerhardt. „Er war 35 Jahre lang Lehrer. Er ist ausgebildet worden. Er wusste es besser.“

Youash sagte dem Richter, dass den Zeugen Jehovas die Botschaft vermittelt werden müsse, dass „es nicht in Ordnung ist, Kindesmissbrauch nicht zu melden“.

Die Ältesten, so Youash, warnten andere Gemeindemitglieder, ihre Kinder nicht mit Hernandez-Pedraza allein zu lassen, unternahmen aber nichts, um dem Mädchen zu helfen oder die Gemeinschaft zu alarmieren.

Prossnitz sagte, dass die Anwälte vor Gericht zwar über eine jahrelange juristische Ausbildung und Rechtsprechung verfügen, auf die sie sich berufen können, dass Penkava aber „einen Moment“ Zeit hatte, um zu entscheiden, was er tun sollte, und dass er dem Rat der Anwälte folgte.

Die Behauptung der Staatsanwälte, Penkava hätte wissen müssen, was er zu tun habe, sei eine „Arroganz“ ihrerseits und eine „gewaltige Übertreibung“, sagte Prossnitz.

Ekl sagte, es gebe Menschen auf der Welt, die kriminell seien und Verbrechen begingen. Dann gebe es „einfache, anständige, gute Menschen, die vielleicht eine Straftat begangen haben“.

„Er ist seit fast 89 Jahren ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft“, sagte Ekl über Scott. „Er ist ein hart arbeitender Mann, der seine Familie unterstützt, sich ehrenamtlich engagiert … (und vor der Pandemie) kranke (Kirchen-)Mitglieder im Krankenhaus und in Pflegeheimen besuchte. (Er) dachte nicht daran, dass dies Schaden anrichten würde. Er hatte nie die Absicht, gegen das Gesetz zu verstoßen“.

Ekl forderte, Scott solle eine sechsmonatige gerichtliche Aufsicht und eine Geldstrafe erhalten, und fügte hinzu, er habe „keinen Zweifel“ daran, dass Scott heute anders mit einer solchen Situation umgehen würde. Er verwies auf sein Alter und seinen Gesundheitszustand als Faktor dafür, dass er nicht ins Gefängnis musste, und sagte, Scott sei Teil des Komiteeausschusses geworden, nachdem Penkava die Entscheidung getroffen hatte, den Missbrauch nicht zu melden.

Scott, so Ekl, trage zwar eine gewisse Schuld an der Situation, sei aber nicht „allein“ verantwortlich.

Mehr zum Thema Kindesmissbrauch bei Jehovas Zeugen finden Sie hier.

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Keine staatlichen Zuschüsse mehr für Zeugen Jehovas – Schweden ändert Rechtsgrundlage

Sendung Uppdrag granskning im Schwedischen Fernsehen vom 23. Februar 2022

Sendung Uppdrag granskning im Schwedischen Fernsehen vom 23. Februar 2022

Uppdrag granskning ist ein investigativ-journalistisches Format im schwedischen Fernsehen und heißt wörtlich übersetzt „Auftrag Überprüfung“. Die rund vierzigminütige Sendung vom 23. Februar 2022 geht dem Thema der Staatsbeiträge an die Zeugen Jehovas nach. Der kurze Filmbeitrag (Bild oben) thematisiert das sog. Blutverbot, die Stigmatisierung politischer Aktivitäten, das Verbot homosexueller Beziehungen sowie die Unterordnung der Frau als umstrittene Vorgaben der Zeugen Jehovas. Die Reportage ÄRREN FRÅN JEHOVAS (Die Narben Jehovas), in der auch Betroffene zu Wort kommen, ist nur in Schwedisch verfügbar. Die drei unten stehenden Artikel zur Sendung hat JZ Help auf Deutsch übersetzt, die zugehörigen kurzen Filmbeiträge sind ebenfalls in Schwedisch.

Vier umstrittene Vorschriften bei den Zeugen Jehovas

UPPDRAG GRANSKNING – Die strengen Regeln der Zeugen Jehovas stehen im Widerspruch zu den Grundwerten der Gesellschaft – das ist seit vielen Jahren der Standpunkt der Regierung. Dennoch entschied sie schließlich, der Glaubensgemeinschaft Zuschüsse in Millionenhöhe zu gewähren. Jetzt will die Regierung das Gesetz ändern.

Seit mehreren Jahren verweigert die Regierung den Zeugen Jehovas staatliche Zuschüsse mit der Begründung, dass die Regeln der Gemeinschaft gegen die Demokratieklausel verstoßen, die nach schwedischem Recht eingehalten werden muss.

Doch 2019 änderte die Regierung ihre Meinung. 2021 erhielten die Zeugen Jehovas als erste Zahlung etwas mehr als 2 Mio. Kronen – plus 8,5 Mio. Kronen Schadenersatz wegen des langwierigen Verfahrens (insgesamt rund 986 102 Euro, Anm. JZ Help).

Die Regierung ist nicht erschienen

Im Laufe des Prozesses hat die Gemeinschaft mehrmals Einspruch gegen die Entscheidung der Regierung eingelegt. Dreimal hat das Oberste Verwaltungsgericht die Ablehnung der Regierung zurückgewiesen.
Nach Ansicht des Obersten Verwaltungsgerichts reichen die von der Regierung vorgebrachten Gründe nicht aus, um der Organisation einen Zuschuss zu verweigern.

Im ersten Abweisungsentscheid wurden laut Richterin Margit Knutsson überhaupt keine Gründe angegeben.

„Beim zweiten Mal wurde die Frage der politischen Tätigkeit angesprochen, aber nichts gesagt bezüglich des Blutproblems, also wiesen wir den Fall erneut zurück. Beim dritten Mal wurde nur die Frage des Blutes aufgeworfen, und auch das war nicht ausreichend. Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass wir damit gesagt haben, dass die Zeugen Jehovas Anspruch auf Unterstützung haben.“

Mitglieder der Zeugen Jehovas nahmen an einer mündlichen Anhörung vor Gericht teil – Vertreter der Regierung erschienen jedoch nicht.

„Die gesetzlichen Grundlagen haben offensichtlich nicht gegriffen“

Laut Margit Knutsson hätte sich die Regierung erneut gegen den richterlichen Entscheid stellen können, entschied sich aber stattdessen, die Millionensubvention zu gewähren.

Und das, obwohl sowohl die Regierung als auch die Behörde für die Unterstützung religiöser Gemeinschaften (SST) angeben, dass die Zeugen Jehovas die Voraussetzungen für den Erhalt staatlicher Subventionen nicht erfüllen.

„Was die Zeugen Jehovas tun, ist, ihre Mitglieder aufzufordern, nicht Teil der Gesellschaft zu sein“, sagt Isak Reichel, Leiter des SST.

Nina Andersson, Staatssekretärin im Kulturministerium, sagt, sie verstehe, dass die Kehrtwende der Regierung in dieser Frage seltsam erscheinen möge. Die Regierung wolle nun das Gesetz ändern, und zwar durch eine Verschärfung der Anforderungen und eine Präzisierung der Demokratieklausel.

„Wenn es um die Auszahlung von Steuergeldern geht, muss bedacht werden, dass das auf der Grundlage der bestehenden Rechtsvorschriften kohärent und einheitlich erfolgen muss. Hier hat die gesetzliche Grundlage eindeutig nicht gegriffen, und deshalb werden wir auch in diesem Bereich mit einer neuen Gesetzesvorlage ins Parlament gehen, um Abhilfe zu schaffen.

Die Zeugen Jehovas schreiben an Uppdrag granskning, dass sie glauben, zur Erhaltung und Stärkung der Grundwerte beizutragen, auf denen die Gesellschaft beruht.

Nina befolgte die Vorschriften zum Thema Blut der Zeugen Jehovas – und ist nur knapp einer Tragödie entgangen


„Vergossenes Blut“ – Nina Brink erzählt von der Geburt, die fast in einer Tragödie endete. Foto: SV

VERÖFFENTLICHT AM 23. FEBRUAR 2022

UPPDRAG GRANSKNING – Sie waren bei den Zeugen Jehovas, wurden aber ausgeschlossen. Jetzt berichten 44 ehemalige Mitglieder über die strengen Regeln – und die Strafen, die man zu gewärtigen hat, wenn man sie nicht blindlings befolgt. „Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit weiß, was dort vor sich geht“, sagt das ehemalige Mitglied Miriam.

Nach jahrelangem Rechtsstreit beschloss die Regierung 2019, den Zeugen Jehovas eine staatliche Subvention zu gewähren. Die Entscheidung wurde kritisiert – auch von der für die Zahlungen zuständigen Behörde.

Nach schwedischem Recht dürfen nur Religionsgemeinschaften, die „zur Erhaltung und Stärkung der Grundwerte, auf denen die Gesellschaft beruht“, beitragen, Subventionen erhalten. Aber aus dem Umfeld der von vielen als Sekte bezeichneten Gruppierung kommen Warnungen, dass die Zeugen Jehovas für das Gegenteil stehen.

„Sie arbeiten mit Strukturen, die unsere freie Gesellschaft untergraben“, sagt das ehemalige Mitglied Erik Engelv, der nach seinem Outing als Homosexueller ausgeschlossen wurde.

Drohung von Ausschluss

UPPDRAG GRANSKNING hat 44 ehemalige Mitglieder aus verschiedenen Versammlungen im ganzen Land befragt. Unter ihnen befinden sich so genannte „Älteste“, die dafür verantwortlich sind, dass die Mitglieder die Regeln einhalten. 

Gemeinsam erzählen sie von den strengen Regeln – und dem hohen Preis, den man bezahlt, wenn man sie nicht befolgt.

Zeugen Jehovas sind politisch neutral. Die Mitglieder versprechen, niemals an politischen Wahlen teilzunehmen und verweigern den Militärdienst. Vorehelicher Sex ist nicht erlaubt, und Zeugen Jehovas dürfen keine Bluttransfusionen erhalten – selbst wenn sie dabei ihr Leben riskieren.

Wer sich nicht an die Regeln hält, riskiert den Ausschluss.

Hören Sie, wie Markus über seinen Abschiedsbrief an seine Kinder spricht. Foto: SVT

Die Zeugen Jehovas haben UPPDRAG GRANSKNING kein Interview geben wollen, sondern schreiben in einer E-Mail: 

„…wenn ein Zeuge Jehovas beschließt, nicht mehr nach den Normen der Bibel zu leben oder Ansichten zu vertreten, die der Bibel widersprechen, steht es ihm oder ihr natürlich frei, dies zu tun, aber eben nicht innerhalb der Glaubensgemeinschaft.“  

„Ausschluss als Mittel gibt es in vielen verschiedenen Kontexten, auch in anderen Organisationen. Aber die Zeugen Jehovas gehen mit ihrer sozialen Ausgrenzung noch einen Schritt weiter. Es ist so brutal, weil man sein ganzes soziales Netz verliert“, sagt das frühere Mitglied Karoline.

Zeugen Jehovas: „Eine liebevolle Maßnahme“

Allen 44 ehemaligen Mitgliedern, die von UPPDRAG GRANSKNING befragt wurden, ist gemein, dass sie aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen worden sind.

Auf der Website der Zeugen Jehovas heißt es, dass der Ausschluss eine liebevolle Maßnahme sei, um die verlorene Person wieder auf den rechten Weg zu bringen, und „wenn eine Person ausgeschlossen wird, brechen wir den Kontakt ab und hören auf, mit ihr zu sprechen“.

Hedda verliebte sich in einen Mann außerhalb der Versammlung – und verlor den Kontakt zu ihrer Familie. Foto: SVT

Die Zeugen Jehovas schreiben an UPPDRAG GRANSKNING, dass „niemand gezwungen wird, ein Zeuge Jehovas zu werden“ und dass „die Kritik an den Zeugen Jehovas oft auf unvollständigen oder voreingenommenen Informationen beruht“. Sie behaupten, dass sie dazu beitragen, die Grundwerte, auf denen die Gesellschaft beruht, zu erhalten und zu stärken.

Nachdem den Zeugen Jehovas staatliche Subventionen gewährt wurde, will die Regierung nun neue Gesetze einführen.

„Alle Religionsgemeinschaften, die jetzt unter dieses System fallen, werden anhand der neuen Gesetzgebung neu bewertet“, sagt Nina Andersson, Staatssekretärin im Kulturministerium.

Der Älteste Mats sagt: „Ich kann mich nur entschuldigen.“

Hören Sie die Entschuldigung des ehemaligen Ältesten nach all den Jahren bei den Zeugen Jehovas: „Ich wusste es nicht besser“. Foto: SVT

AKTUALISIERT 23. FEBRUAR 2022 – VERÖFFENTLICHT 23. FEBRUAR 2022

UPPDRAG GRANSKNING – Als Ältester der Zeugen Jehovas sorgte Mats dafür, dass die Gemeinde die strengen Regeln befolgte. Heute ist er von der Gemeinschaft ausgeschlossen und hat jeden Kontakt zu seinen verbliebenen Freunden und seiner Familie verloren. „Ich bin nicht stolz darauf, daran beteiligt gewesen zu sein“, sagt er.

Die Zeugen Jehovas haben strenge Regeln, die sie befolgen müssen, um Teil der Gemeinschaft zu sein. In der Gemeinschaft gibt es keine Priester, stattdessen gibt es Älteste, die für die religiöse Unterweisung zuständig sind.

„Es geht wirklich darum, den Freunden in der Gemeinde, den Mitgliedern, zu helfen, ihren Glauben zu bewahren. Aber auch darum, die Herde zu führen, d.h. im Gleichschritt zu halten. Es mag ein wenig dogmatisch klingen, dass sie sich an die Regeln halten“, sagt Mats Lagrelius, der mehrere Jahre lang ein Ältester bei den Zeugen Jehovas war.

„Ein Meldesystem“

Nach Ansicht von Mats Lagrelius gibt es innerhalb der Glaubensgemeinschaft weder Gedankens- noch Meinungs- noch Religionsfreiheit. Als Ältester war er selbst an Verfahren beteiligt, in denen Mitglieder der Gemeinde, die gegen die Regeln verstoßen haben, ausgeschlossen wurden.

„Es ist wie in der DDR, ein Meldesystem, in dem es die Regel gibt, dass alle gleichgeschaltet sind und alle das Gleiche denken müssen. Wenn Sie das nicht tun, dann gibt es Leute und Freunde in der Versammlung, die sehen, was man tun, und die wiederum dafür sorgen, dass dies an die Ältesten der Gemeinde weitergegeben wird.  

Kirchenbesuche zu Ostern

Mats sagt, er sei schließlich ein Opfer des Systems geworden, das er selbst mit aufrechterhalten habe. Als Anlass nannte er einen Besuch in der Schwedischen Kirche zu Ostern.

Er beantragte zwar keine Mitgliedschaft, aber als sich Bilder von dem Kirchenbesuch in den sozialen Medien verbreiteten, reichte das für andere Älteste aus, um zu beschließen, dass er ausgeschlossen werden sollte. Heute hat er jeden Kontakt zu den verbliebenen Freunden und der Familie verloren.

Die Zeugen Jehovas schreiben an UPPDRAG GRANSKNING zum Thema Ausschluss: „…wenn ein Zeuge Jehovas beschließt, nicht mehr nach den Maßstäben der Bibel zu leben oder Ansichten zu vertreten, die der Bibel widersprechen, steht es ihm oder ihr natürlich frei, dies zu tun, aber eben nicht innerhalb der Glaubensgemeinschaft“.

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Auch Norwegen verweigert den Zeugen Jehovas staatliche Subventionen und will ihnen den Status einer Religionsgemeinschaft aberkennen.

Weitere Informationen zu den problematischen Vorgaben und Praktiken der Zeugen Jehovas finden Sie hier.

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„Kopfkino“ – großartige Gespräche mit Zeugen Jehovas Aussteiger *innen

Zeugen Jehovas Aussteiger
© Steffi Henn

In ihrem Podcast „Kopfkino“ führt die Schauspielerin Dina Hellwig Gespräche mit Aussteiger *innen von Zeugen Jehovas und anderen sektenhaften Gemeinschaften. Selbst in eine Zeugen-Jehovas-Familie hineingeboren weiß sie, dass es keine freie Entscheidung ist, keine freien Entscheidungen treffen zu können. Sie und ihre Gesprächspartner*innen berichten über ihr Aufwachsen in der Gemeinschaft bzw. ihren Einstieg in die Gruppe sowie die enorme Leistung des Ausstiegs. Sie geben damit Tausenden von Betroffenen eine Stimme: Was es heißt, in Angst und Unsicherheit aufzuwachsen, eingeschränkt in der eigenen Entwicklung und kontrolliert bis in die intimsten Beziehungen. So ähnlich manche Erfahrungen der Erzählenden sind, so einzigartig ist ihre (Rück-) Aneignung des eigenen Lebens und der Welt. Ganz großes Kino – jede einzelne Folge!

Großen Dank für diese wunderbare Arbeit an Dina Hellwig und ihre Gesprächspartner*innen!

Auf Spotify, iTunes, podcast.de oder YouTube.

Weitere Berichte von Zeugen Jehovas Aussteiger *innen finden Sie hier.

Kundgebung gegen Kontaktabbruch und Ächtung

Samstag, 16. Oktober, 12 – 17 Uhr, Mariahilfer Straße 78-80 in Wien

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in Isolation – für immer!Ihre Familie und Ihre Freunde dürfen keinen Kontakt mehr mit Ihnen pflegen. Grund: Sie haben Ihre Religion verlassen.Kontaktabbruch (Ächtung) bei den Zeugen Jehovas unterläuft Grund- und Menschenrechte. Psychische Folgeerkrankungen sind oft die Konsequenz.Mit einer Standaktion macht der Verein JZ Help e.V. auf der Mariahilfer Straße in Wien auf Grund- undMenschenrechtsverletzungen bei den Zeugen Jehovas durch die Praxis von Kontaktabbruch (Ächtung genannt) aufmerksam.Der Verein JZ Help e.V. setzt sich im D-A-CH-Raum für Betroffene ein: Durch Ausstiegsbegleitung, Unterstützung bei der Vermittlung von psychologischer und juristischer Hilfe und mittels einem sozialen Auffangnetz durch regionale Communities und Selbsthilfegruppen.Laufend erreichen den Verein Berichte von Betroffenen und Fachpersonen über Formen psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt innerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas. Viele Aussteiger*innen sind von psychischen Folgeerkrankungen wie PTBS, Depressionen oder Angststörungen betroffen.

https://www.pressefeuer.at/jz-help-e-v-kundgebung-gegen…/

Praxis bei Jehovas Zeugen unterläuft Grundrechte – Kundgebung gegen Kontaktabbruch und Ächtung
meinbezirk.at, 17.10.2021

Wachtturm-Opfer-Gedenkwoche vom 26. – 31. Juli 2021 – Medienmitteilung

Gemeinsam gegen Ächtung!

Der Verein JZ Help e.V., der sich für Betroffene von Zeugen Jehovas im D/A/CH-Raum einsetzt, und die Zürcher Sektenberatungsstelle infoSekta machen anlässlich des internationalen Gedenktages für die Opfer der Wachtturm-Organisation auf Grund- und Menschenrechtsverletzungen bei den Zeugen Jehovas aufmerksam.

Ächtung ist verordnetes Mobbing und verstößt gegen grundlegende Rechte

Die Praxis der Ächtung verletzt die psychische und soziale Integrität der Betroffenen und verstößt gegen grundlegende Rechte – zu diesem Schluss kommt 2019 ein Schweizer Gericht in einem rechtskräftigen Urteil (s. Medienmitteilung vom 8. Juli 2020 S. 3-4 oder Urteil, S. 22-24 und S. 24-26). Ächtung, so das Gericht, könne als verordnetes Mobbing verstanden werden und verletze die persönliche Integrität sowie implizit die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Betroffenen.

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Ausschluss und Ächtung

Getaufte Mitglieder der Zeugen Jehovas, die sich vom Glauben abwenden oder gegen Vorschriften verstoßen, werden aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Niemand darf mehr mit ihnen Kontakt pflegen, sie dürfen nicht einmal mehr gegrüßt werden. Das gilt auch für engste Angehörige.
Betroffene verlieren damit oft auf einen Schlag sämtliche Bezugspersonen, auch die ganz nahen: Eltern, Kinder, Geschwister, Partner*innen, Großeltern und Freund*innen. Geächtete Personen erfahren oft von Dritten von der Hochzeit, der Geburt oder dem Tod nächster Angehöriger.
Drohende Ächtung hat zur Folge, dass getaufte Zeugen Jehovas nicht frei sind in der Wahl ihrer Religion oder darin, eine Bluttransfusion zu akzeptieren oder nicht. Ächtung hat also den Charakter einer Nötigung.
Zeugen Jehovas werden ermutigt Kinder mit elf Jahren oder jünger zu taufen. Danach können diese sich nicht mehr frei entscheiden, wie sie leben und woran sie glauben möchten – weil sie sonst oft alle geliebten Menschen verlieren.

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Das Gericht befand zudem, dass auch Kinder von Ächtung betroffen sind, u.a. durch „Liebesentzug“. Gerade für Kinder ist diese Form psychischer Gewalt besonders schwerwiegend. Kinder sind auch indirekt von Ächtung betroffen: Etwa wenn sie Geschwister verlieren, die geächtet werden, zu einem geächteten Elternteil nur noch eingeschränkt Kontakt haben können oder mit den „ungläubigen“ Großeltern keinen Umgang pflegen dürfen.

Es war Voraussetzung für die Anerkennung der Zeugen Jehovas als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland, dass die Praxis der Ächtung der Zeugen Jehovas nicht die Kernfamilie gefährde. Das ist jedoch der Fall, wie Berichte Betroffener zeigen. Ächtung zerstört Eltern-Kind- und Geschwister-Beziehungen sowie Beziehungen zwischen Ehepartnern. Die Ächtung von Minderjährigen führt immer wieder zu schwersten Krisen von Jugendlichen.

„Subsumiert man die Tatsachenbewertungen des Schweizer Urteils unter das deutsche Recht, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass sich auch die Zeugen Jehovas Deutschland systematisch grundrechtswidrig verhalten. Die religiösen Bestimmungen insb. hinsichtlich der Ächtung auch innerhalb der Kernfamilie, der Begünstigung sexuellen Missbrauchs sowie des faktischen Zwangs zur Ablehnung lebenserhaltender Maßnahmen verletzen die Grundrechte der Gläubigen und ihrer Angehörigen, jedenfalls Art. 2 Absatz 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 2, Art. 4 Abs. 1 und 2 und Art. 6 Abs. 1 GG.“

Julius Rupprecht (2021), Institut für Weltanschauungsrecht

Pressestimmen

Ausschluss und Ächtung
Passauer Neue Presse PNP plus, 21.08.2021

JZ Help – Gemeinsam gegen Ächtung!
26. Juli 2021 – Internationaler Wachtturm-Opfer-Gedenktag
Presseportal DE, 26.07.2021
Presseportal CH, 26.07.2021

JZ Help: Gemeinsam gegen Ächtung! / 26. Juli 2021 – Internationaler Wachtturm-Opfer-Gedenktag
Aachener Zeitung, 26.07.2021

Gemeinsam gegen Ächtung!
ots.at, 26.07.2021

Gemeinsam gegen Ächtung!
brandaktuell.at, 26.07.2021

Gemeinsam gegen Ächtung!
Opera News, 26.07.2021

Gemeinsam gegen Ächtung!
Nachrichten-Heute.net, 26.07.2021

JZ Help – Gemeinsam gegen Ächtung!
26. Juli 2021 – Internationaler Wachtturm-Opfer-Gedenktag
NewsLocker, 26.07.2021

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Missionsbriefe von Kindern – Artikel im Bieler Tagblatt vom 25. Januar 2021

Im Dezember 2020 berichtete JZ Help über die Briefoffensive der Zeugen Jehovas. Im Bieler Tagblatt vom 25. Januar findet sich ein großer Beitrag zum Thema. Aufhänger ist ein Missions-Brief von Kindern.

Kinder werben für Zeugen Jehovas

Bieler Tagblatt vom Montag, 25. Januar 2021  

Biel «Gerne möchten wir mit Ihnen einen Bibeltext teilen»: Zwei zehnjährige Kinder missionieren in handgeschriebenen Briefen für die Zeugen Jehovas. Fachstellen ordnen dies kritisch ein. 

In Biel und Umgebung sind handverfasste Briefe von Kindern aufgetaucht, die für die Zeugen Jehovas (ZJ) missionieren. Die Eltern der Kinder und Zeugen Jehovas Schweiz betonen, dass es sich hierbei um freiwillige Aktionen handle, die Initiative sei von den Kindern aus gegangen. Organisationen und Sektenspezialistinnen üben grundsätzlich Kritik an der frühen Einbindung der Kinder in die enge Glaubenswelt der ZJ. Sektenkennerin Regina Spiess bestätigt, dass bei den Zeugen Jehovas schon ganz kleine Kinder zum Missionieren angehalten werden. Und Susanne Schaaf von der Fachstelle Infosekta: «Wir halten das für problematisch, weil bereits bei den Kleinsten angstvolle Bilder zu Satan und Weltuntergang verankert werden.» sz   

Kommentar: Alles im Namen der Religionsfreiheit

Sarah Zurbuchen, Redaktorin
Kinder, die in einem netten Ton Briefe schreiben und darin auf ihren Glauben aufmerksam machen: Tönt harmlos, oder? Trotzdem irritieren die Zeilen. Aufbau und Tonalität erinnern nicht an den Stil einer Zehnjährigen, und der Text ähnelt in seiner Wortwahl dem Inhalt anderer Missionarsbriefe der Zeugen Jehovas. Der Verdacht, dass hier Kinder instrumentalisiert werden, liegt nahe. Erst recht, wenn wir einen Blick in die Glaubenswelt und das strenge Regelwerk dieser Religionsgemeinschaft werfen. Eine der bekanntesten Regeln ist das Verbot von Bluttransfusionen auch in lebensbedrohlichen Situationen. Wie die Sektenspezialistin Regina Spiess aus langjähriger Erfahrung weiss, wachsen Kinder der Zeugen Jehovas mit sozialer Ausgrenzung auf, weil sie an keinen Geburtstagen, Weihnachtsfeiern oder Feiertagsbastelarbeiten in der Schule teilnehmen dürfen. Zahlreiche Berichte von ehemaligen Mitgliedern belegen ausserdem, dass ein Ausstieg mit sozialer Ächtung einhergeht. Ehemalige Zeugen Jehovas berichten von Menschen, die wegen ihrer Sexualität ausserhalb der heteronormativen Vorstellungen diskriminiert werden und von Kindern, die mit Teufels- und Weltuntergangsvorstellungen verängstigt werden. Viele dieser Ehemaligen sind heute traumatisiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Briefe zweier zehnjähriger Mädchen nicht mehr so harmlos. Ja, die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht unserer Verfassung. Doch es darf nicht sein, dass in deren Namen Kinder ausgegrenzt und geächtet werden. Die Thematik der Kindeswohlgefährdung in geschlossenen, dogmatischen Gemeinschaften scheint noch nicht in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingeflossen zu sein. Doch das wäre dringend nötig.
szurbuchen@bielertagblatt.ch

Neues Phänomen: Missionierende Kinder

Zeugen Jehovas In Biel und der Region sind Briefe aufgetaucht, in denen Kinder für die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas missionieren. Sektenkennerinnen sind nicht überrascht, beleuchten das Phänomen aber äusserst kritisch.

Sarah Zurbuchen
«Sehr geehrte Frau Zurbuchen. Ich heisse Ida* und bin 10 Jahre alt. Mit meiner Freundin Sarina* wollen wir Ihnen diesen Brief schreiben.» Die Zeilen sind in freundlichem Ton verfasst. Der offensichtlich von Kinderhand geschriebene, an die private Adresse geschickte Brief verweist auf Covid-19, weswegen die beiden Mädchen nicht persönlich vorbeikommenkönnten. Sie stellen die Frage, wie es wohl weitergeht mit «dieser Pandemie»? Und dann: «Mit unseren Eltern haben wir gelernt, dass die Bibel diese Fragen beantwortet.» Es folgen ein Bibeltext und ein Verweis auf die Website der Zeugen Jehovas «mit mehr Informationen und auch Videos für Gross und klein.» Man dürfe auch auf die Mail der Eltern schreiben oder anrufen, steht zum Schluss. Der Brief ist offenbar kein Einzelfall. Das BT weiss von zwei anderen Haushalten in der Region, die einen von Kindern verfassten Werbebrief der Zeugen Jehovas erhalten haben. Den meisten bekannt sind die Zeugen Jehovas (ZJ), weil sie an der Türe klingeln oder auf der Strasse Druckerzeugnisse verteilen. Doch Kinder, die per Brief missionieren, das scheint ein neueres Phänomen zu sein.

Mit handgeschriebenen Briefen werben Kinder für die Zeugen Jehovas. ZVG/ILLUSTRATION: ML

«Problematisch», «Indoktrination»
Seitdem im Frühling 2020 wegen Covid-19 der Predigtdienst eingestellt worden ist, seien von den ZJ Tausende Missionierungsbriefe geschrieben und verschickt worden, informiert die Zeugen-Jehovas-Kennerin Regina Spiess von der Organisation JZ Help. Auch Schweizer Politikerinnen und Politiker, Firmen, Anwälte und Ärztinnen seien in den letzten Monaten vermehrt angeschrieben worden.
Zeugen Jehovas sind zur Mission verpflichtet und ihre Aktivitäten müssen der Gemeinschaft rückgemeldet werden, wie Susanne Schaaf von der Fachstelle für Sektenfragen Infosekta bestätigt. «Je aktiver in der Verkündung, desto vorbildlicher.» Die Coronakrise werde von den Zeugen Jehovas als eindeutiges Zeichen aufgefasst, dass nun die letzte Phase der letzten Tage angebrochen sei. «Daher eignet sich die Coronapandemie als Anlass für die briefliche Missionierung », so Schaaf. Dass diese Briefe nun offenbar auch von Kindern verfasst werden, ist weder Spiess noch Schaaf bisher bekannt gewesen. Spiess: «Es liegt nahe, dass Eltern ihre Kinder ermutigen, ebenfalls Briefe zu schreiben, denn bei den Zeugen Jehovas werden schon ganz kleine Kinder zum Missionieren angehalten.» Und auch Schaaf meint, es sei aus der Perspektive der ZJ konsequent. Kinder würden grundsätzlich in der Erziehung, in den Versammlungen und auch durch entsprechende Trickfilme in diese enge Glaubenswelt eingeführt. «Wir halten das aber für problematisch, weil bereits bei den Kleinsten angstvolle Bilder zu Satan und Weltuntergang verankert werden.»
Sektenexperte Hugo Stamm ist nicht minder überrascht von der Aktion. «Für mich handelt es sich hierbei um eine Form der Indoktrination: Die Einbindung und Konditionierung auf die radikalen religiösen Dogmen soll möglichst früh passieren.» Rechtlich lasse sich dagegen schwerlich etwas unternehmen, weil die Erziehungshoheit und die religiöse Erziehung bei den Eltern liege, so Stamm.

Kinderwerden «miteinbezogen»
Darauf berufen sich denn die Zeugen Jehovas auch. Dominic von Niederhäusern, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei den ZJ Schweiz sagt, Kinder und Jugendlichen würden in die religiöse Weltanschauung «miteinbezogen ». Die hier erwähnte Briefaktion von Kindern sei nicht konzertiert, sondern es handle sich dabei um individuelle Entscheidungen. Darauf beruft sich auch der Vater (Name der Red. bekannt) des zehnjährigen Mädchens. Er betont, seine Tochter habe dies freiwillig gemacht, «weil das Gebot von Jesus, zu predigen, auch an die Kinder gerichtet ist». Und der Öffentlichkeitsbeauftragte weiter: «Wie alle anderen Eltern erziehen wir unsere Kinder, wie wir es für richtig halten und teilen unsere religiöseWeltanschauung mit ihnen. » Gleichzeitig betont er, Kinder würden «zu eigenständigen Erwachsenen erzogen, die eine eigene Meinung haben dürfen». Auf das Thema der Ächtung (siehe auch Text unten) angesprochen, reagiert er ausweichend. Und bezüglich der Trickfilme auf der Zeugen-Jehovas- Website, in denen Kindern strenge Verhaltensregeln allgemein und bei den Predigtdiensten im Speziellen vorgegeben werden, meint von Niederhäusern: «Manchen Kindern passt ja ein sonntäglicher Zoobesuch auch nicht, trotzdem müssen sie mitgehen. So ist das auch bei der Missionstätigkeit.»
In das gleiche Horn bläst der Vater: «In einem Unternehmen kann man schliesslich auch nicht machen, was man will.»

«Hilfe ist oft nicht erwünscht»
Auf der Erziehungsberatung in Biel habe es bisher keine Anfragen für eine Beratung im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder Sekte gegeben, auch nicht vonseiten der Schulen, wie Co- Leiterin Kathrin Hersberger bestätigt. Und auch bei der Kindesund Erwachsenenschutzbehörde Biel scheint es sich um ein unbekanntes Vorgehen zu handeln, wie Leiterin Henriette Kämpf sagt. Dass in der Region Kinder zu Missionarszwecken benutzt werden, höre sie zum erstenMal. «Auch haben wir bisher keine Meldung im Zusammenhang mit den Zeugen Jehovas erhalten», sagt sie. Das liege eventuell daran, dass es sich um eine in sich geschlossene Organisation handle, bei der wenig nach aussen dringe. «Selbstverständlich sind wir aber bereit, das Thema aufzugreifen, wenn es um die Gefährdung des Kindswohls geht.» Dazu brauche es aber konkrete Anhaltspunkte, denen die Kindesschutzbehörde nachgehen könne. Dies könne etwa der Fall sein, wenn Eltern bei einem Kind eine lebenswichtige Bluttransfusion verweigern würden.
Allgemein gibt sie zu bedenken, dass behördliche Schritte in Familien bezüglich der religiösen Erziehung heikel seien.«Wir wollen den Eltern ja Hilfe anbieten und sie in ihrer Erziehungsarbeit stärken. In solchen Glaubensgemeinschaften ist Hilfe aber oft nicht erwünscht.»
* Namen geändert.
Info: JZ Help informiert über Menschenrechtsverstösse bei Zeugen Jehovas und unterstützt Ausstiegswillige. www.jz.help 

Gegen Bluttransfusion und Homosexualität

2019 zählte die Religionsgemeinschaft in der Schweiz 19 281, in Deutschland 165 393 und in Österreich 21 614 im Predigtwerk aktive Zeugen Jehovas. 2016 sollen nach eigenen Angaben 8,3 Millionen sogenannte «Verkündiger» aus weltweit über 119 000 Ortsgemeinden missionarisch aktiv gewesen sein. Die Gemeinschaft ist streng hierarchisch strukturiert und versteht sich selbst als die einzig legitime«christliche, theokratische Organisation». An der Spitze steht die «leitende Körperschaft », die ausMännern besteht. Das Führungsgremium hat seinen Sitz in der neu erbauten Zentrale in Warwick (USA) und versteht sich als «Offenbarungs- und Verbindungskanal Jehovas». Die Zeugen Jehovas (ZJ) sehen Jesus als ein von Gott erschaffenes Wesen. Für sie ist er nicht Teil einer Dreieinigkeit, wie beispielsweise im christlichen Glauben. Sie glauben, dass im Gotteskrieg «Harmagedon» alle Feinde Gottes vernichtet werden, also auch jene, die keine Diener Gottes sind – ohne Aussicht auf Auferstehung. Danach beginnt ein 1000-jähriges Friedensreich. Darum muss den Menschen gepredigt werden, damit sie sich der Glaubensgemeinschaft anschliessen. Das Leben eines ZJ wird durch viele Regeln bestimmt: Weihnachten, Ostern, Advent, Geburtstage, Fasnacht, Muttertag, Silvester und vieles mehr sind als «heidnische Feste» verboten. Ehe und Familie werden in einer traditionell- patriarchalischen Form hoch geschätzt. Homosexualität wird abgelehnt. Der Mann ist der Vorstand der Familie, der Frau «wird ans Herz gelegt, ihren Mann zu lieben und ihn als Haupt der Familie zu respektieren », so das Informationsportal der Zeugen Jehovas zum Thema Ehe. Den getauften ZJ ist es als Verstoss gegen das göttliche Gebot verboten, Bluttransfusionen anzunehmen. Die Welt steht nach dem Glauben der Zeugen Jehovas unter dem Einfluss des Teufels. Den Aussagen von ehemaligen Zeugen Jehovas ist zu entnehmen, dass intensiver Kontakt mit Welt-Menschen, also Nicht-Zeugen, zu vermeiden ist, sowie die aktive Teilhabe am weltlichen System. sz
Quellen: www.ezw-berlin.de; www.relinfo.ch; www.jz.help

«Viele Kinder glauben, dass sie wohl nie erwachsen werden»

Kritik Behörden, Politik und Gesellschaft würden es zulassen, dass Kindern der Zeugen Jehovas Gewalt angetan werde, so Regina Spiess.

Während Jahren hat sich die Psychologin Regina Spiess mit Menschen auseinandergesetzt, die bei den Zeugen Jehovas (ZJ) waren. Spiess ist Psychologin, Sektenspezialistin und im Vorstand der Organisation JZ Help. Die meisten Mitglieder würden in die Gemeinschaft hineingeboren, sagt sie. «Viele berichten von einer schwierigen Kindheit, was auch mit demzentralen Missionsauftrag zu tun hat.» Belastend für die Kinder sei ebenfalls die Rolle, die sie in der Schule einnehmen. Da es Zeugen Jehovas nicht erlaubt ist, an Aktivitäten im Zusammenhang mit Feiern wie Geburtstag, Fasnacht, Ostern oderWeihnachten teilzunehmen, würden sie in eine Aussenseiterposition gezwungen und so sozial an den Rand gedrängt. «Die Kinder müssen jedes Mal, wenn ein Kind Geburtstag feiert oder bei Feiertags-Bastel- Arbeiten das Schulzimmer verlassen oder daneben sitzend zuschauen. Man müsse sich vor Augen führen, was das dem Kind signalisiere: «Du bekommst kein Stück vom Kuchen. Du gehörst nicht dazu».
«Unsere Schulen streben Inklusion an, hier geschieht aber das genaue Gegenteil», sagt Spiess. Die Gesellschaft lasse es zu, dass im Namen der Religionsfreiheit Kinder ausgegrenzt würden. «Wir übernehmen als Gesellschaft damit die Diktion der religiösen Gemeinschaft, anstatt besonders vulnerablen Kindern Teilhabe zu ermöglichen. » Gerade bei Kindern, die meist keine Freundschaften ausserhalb der Gemeinschaft pflegen oder einen Fussballclub besuchen dürfen, würden wir Abstriche bei zentralsten Werten machen. «Es ist eine politische Entscheidung, wie mit dieser Situationumgegangen werden soll und die Aufgabe von Schulbehörden, hier klare Vorgaben zu machen», fordert die Sektenkennerin. Auch die Leiterin der Bieler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Henriette Kämpf verweist auf die Schulbehörden. Das sei eine schulrechtliche Angelegenheit. «Ein Lehrer oder eine Lehrerin hat meiner Meinung nach aber die Befugnis, im Unterricht die Spielregeln festzulegen und die Kinder an diesen wichtigen Ritualen teilnehmen zu lassen.»
Wie Regina Spiess weiter ausführt, erlebten Zeugen-Jehovas-Kinder in Sachen Bildung zudem nur beschränkte Unterstützung. Der Grund liegt laut der Psychologin in der Weltanschauung der Gemeinschaft, die glaubt, dass das Ende der Welt vor der Tür steht und es sich nicht lohnt, die Zukunft zu planen. Deshalb wird bei ZJ höhere Bildung schlechtgemacht und rigide abgelehnt. «Viele Kinder glauben, dass sie wohl gar nie erwachsen werden, weil das Weltende ja unmittelbar bevorsteht.» Zudem werde das Zerrbild einer durch und durch schlechten Welt transportiert.
Kinder, die als Zeugen Jehovas aufwachsen, werden als Jugendliche ab zwölf Jahren und teilweise schon jünger getauft. Regina Spiess:«Durch die Taufe werden sie Mitglied und können die Gemeinschaft nicht mehr verlassen, ohne geächtet zu werden.» Mit dem Heranwachsen würden Jugendliche jedoch Dinge kritisch hinterfragen. Verstossen getaufte Jugendliche gegen Vorgaben oder kehren der Gemeinschaft den Rücken, droht ihnen Ausschluss und Ächtung, zeigen unzählige Beispiele von ehemaligen Zeugen Jehovas. Würden sie noch zuhause wohnen, würden sie meist nur noch minimale Zuwendung erfahren. Sobald sie ausgezogen bzw. volljährig seien, müssten die Eltern und Geschwister den Kontakt komplett abbrechen, sagt Spiess. «Der Ausschluss ist für die meisten Ehemaligen ein traumatisches Erlebnis. Viele fallen in schwere Depressionen, haben mit massiven Ängsten zu kämpfen, viele berichten von Suizid-Versuchen.»
Regina Spiess findet es stossend, dass Gesellschaft und Politik diese Form von Gewalt an Kindern und Jugendlichen zuliessen. «Wenn Zeugen-Jehovas-Eltern den Kontakt zu ihrem Kind auf Geheiss der Leitung abbrechen müssen, ist das nach meinem Dafürhalten eine klassische Nötigungssituation: Gehorchen die Eltern den Anweisungen nicht, haben sie Sanktionen zu befürchten.» Sie würden damit, so werde ihnen weisgemacht, sowohl die eigene Errettung als auch die des Kindes gefährden. «Hier muss der Staat eingreifen, denn Nötigung ist ein Offizialdelikt.»
«Gewalt in geschlossenen Gemeinschaften richtet sich immer und zuerst gegen die Schwächsten, die Kinder.» Und die Sektenberaterin betont: «Gewalt, die Kinder in solchen Gruppen erfahren, ist immer Gewalt, die wir als Gesellschaft zulassen.» Sarah Zurbuchen

Ächtung ist Mobbing

Die Ächtung von ausgestiegenen Mitgliedern der Zeugen Jehovas ist Mobbing und verstösst gegen die Menschenrechte. Zu diesem Schluss kam ein Gerichtsurteil. Im Juli 2019 hat das Bezirksgericht Zürich Regina Spiess in allen Anklagepunkten freigesprochen. Sie war von der Vereinigung der Zeugen Jehovas Schweiz infolge eines Interviews im «Tages-Anzeiger» 2015 sowie einer Medienmitteilung wegen übler Nachrede angezeigt worden. sz

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