Jahresbericht 2019 und Mitgliederversammlung 2020

Überblick als Video

Udo Obermayer, Vorstandsvorsitzender des Vereins, gibt einen Überblick zum Jahresbericht 2019.

Mitgliederversammlung vom 13. März 2020 – online statt in Augsburg

Gerade erst zum zweiten Mal beging der Verein JW Opfer Hilfe e.V. (jw.help) nach seiner Gründung Anfang 2018 seine Mitgliederversammlung – und das unter widrigen Bedingungen. Udo Obermayer, Gründer und Vorstandsvorsitzender, führte mit seiner Vorstandskollegin, Regina Spiess, und der Ehrenvorsitzenden, Barbara Kohout, durch die Formalien einer Mitgliederversammlung – dies Corona-bedingt alles online. Da kam dem Verein entgegen, dass er auf die Zusammenarbeit von Aktivistinnen und Aktivisten aus verschiedenen Ländern angelegt ist und schon die Gründungssitzung online stattfand.
Der Jahresbericht 2019 findet sich weiter unten, ebenso die Vereinsziele für das Jahr 2020. Außerdem eine Zusammenfassung aus der Mitgliederbefragung Ende letzten Jahres.

Weil sich die Mitglieder nicht oft außerhalb des Bildschirms sehen, war dennoch das Bedauern groß, dass die Mitgliederversammlung nicht wie geplant in Augsburg stattfinden konnte. Gerade auch weil ein feierlicher Akt anstand: Ursula Meschede und Armin Slavik des Vereins Ausstieg e.V. wurden zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt und damit für ihre großen Verdienste um die Unterstützung von Jehovas Zeugen-Betroffenen geehrt. Hier geht es zur Laudatio, die Barbara Kohout, unser erstes Ehrenmitglied, gehalten hat. Sobald es die Situation zulässt, werden wir die Ehrung von Ursula Meschede und Armin Slavik und dem Verein Ausstieg e.V. in festlichem Rahmen und von Angesicht zu Angesicht nachholen. An dieser Stelle möchten wir uns im Namen von allen Zeugen Jehovas-Betroffenen für ihre unschätzbare Arbeit bedanken – es ist uns eine große Ehre und Freude, sie als Ehrenmitglieder in unserem Verein zu haben!

Am Samstag den 14. März haben rund ein Dutzend Mitglieder die geplanten Workshops online abgehalten – und waren erstaunlich produktiv. Ziel war es, uns neu so zu organisieren, dass sich mehr Aktive noch stärker einbringen können. Dazu werden wir in nächster Zeit über die sozialen Medien noch weiter informieren.

Jahresbericht 2019

Der Verein JW Opfer Hilfe e.V. blickt auf ein bewegtes und erfolgreiches Jahr zurück. Unsere Mitgliederzahl hat sich verdoppelt, wir haben unsere digitale Präsenz weiter ausgebaut und unser Unterstützungsnetzwerk erweitert. Über unsere Online-Hotline erreichen uns täglich Anfragen, die ein Team von Freiwilligen beantwortet. Vereinsmitglieder haben in Ausbildungsinstitutionen, bei politischen und gemeinnützigen Organisationen Vorträge gehalten und an Podien teilgenommen, außerdem haben wir uns mit Partnerorganisationen weiter vernetzt. In ganz verschiedenen Medien wurde über den Verein und Vereinsmitglieder berichtet, rund ein Dutzend Vereinsmitglieder war in Fernsehsendungen, Radiointerviews sowie in Beiträgen der Printmedien präsent. Mitglieder und assoziierte Personen haben bezüglich des Körperschaftsstatus der Organisation der Jehovas Zeugen, der aus Sicht des Vereins zu Unrecht verliehen worden war, verschiedene politische Vorstöße und rechtliche Schritte unternommen.

Ein Highlight des vergangenen Jahres war die Standaktion am Berliner Alexanderplatz anläßlich des Wachtturm-Opfergedenktages am 26. Juli mit einem tausendfach geschauten Video zum Thema Ächtung. Ein herausragender Erfolg war außerdem der Freispruch des Vorstandsmitglieds Regina Spiess auf die Klage der Zeugen Jehovas wegen übler Nachrede. Schließlich erweist sich eine Ende letzten Jahres durchgeführte Umfrage unter Mitgliedern als äußerst fruchtbar für die weitere Arbeit des Vereins (s. weiter unten).

Mitglieder

Die Anzahl unserer Mitglieder hat sich im zweiten Jahr in Folge verdoppelt – wir zählen aktuell über 50 Mitglieder. Die meisten Mitglieder sind direkt Betroffene, d.h. Menschen, die der Gemeinschaft der Jehovas Zeugen angehörten, viele von ihnen wurden hineingeboren. Rund 20 Prozent unserer Mitglieder waren selbst nie Teil der Religionsgemeinschaft. Manche haben Angehörige, die bei den Jehovas Zeugen sind oder waren. Andere kamen privat oder beruflich mit der Lehre der Jehovas Zeugen in Kontakt und schätzen diese als so problematisch ein, dass sie mit ihrer Mitgliedschaft einen Beitrag zur Aufklärung leisten wollen.

Finanzen

Die Einnahmen setzten sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden zusammen. Darunter waren auch sehr großzügige Spenden im vierstelligen Bereich. Wir möchten uns für die finanzielle Unterstützung, aber auch für die ideelle Mitarbeit bei allen recht herzlich bedanken.

Nach Abzug der Ausgaben – überwiegend sind dies Verwaltungs- und Internetkosten – konnten wir wieder einen Überschuss erzielen, den wir als Rücklage für die geplanten Projekte in 2020, insbesondere im juristischen Bereich, verwenden werden. 

JW Opfer Hilfe online

Der Verein hat seine Website weiter ausgebaut und konnte auf Facebook 60% mehr Abonnenten und Abonnentinnen gewinnen, Beiträge erreichten bis zu 35.000 Personen. Auch die Instagram- und YouTube-Beiträge des Vereins erreichten immer mehr Menschen. Wegen angeblicher Markenrechtsverletzungen wurden jedoch unser YouTube-Kanal und Instagram-Account auf Betreiben der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania geschlossen. Unterdessen ist der Verein auf Daily Motion ausgewichen.

JW Opfer Hilfe auf jw.help

Die auf WordPress basierende Webseite jz.help haben wir überarbeitet, neu strukturiert und die Inhalte deutlich ausgebaut. Die Themenbereiche Verein, Problemfelder, Hilfe, Rechtssachen, Medien und Impressum umfassen über 100 Seiten vorwiegend in Deutsch, einige Seiten sind aber auch in Englisch und Italienisch verfügbar.

JW Opfer Hilfe auf Facebook
  • 816 Abonnenten bei Facebook (+60%) mit Beitrags-Reichweite bis zu 35.000 Personen 
  • 32 Bewertungen mit 5 von 5; 9 Videos auf Facebook; 63 persönliche Anfragen
  • Rekordbeiträge:
    • Vortrag im Bund-Länder-Gesprächskreis der Weltanschauungsbeauftragten und Treffen mit dem Beauftragten für Religionsfreiheit Markus Grübel, MdB: 35.000 Personen
    • Wachtturm-Opfer-Gedenktag: 12.000 Personen
JW Opfer Hilfe auf Instagram 

Wir haben den Account eingerichtet und die Präsenz kontinuierlich ausgebaut. Die Vernetzung entwickelte sich sehr positiv bis der Account wegen einer angeblichen Markenrechtsverletzung durch die Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania am 29.08.2019 gesperrt wurde. Unser Widerspruch bei Instagram blieb leider erfolglos.

JW Opfer Hilfe auf YouTube 

Die Anzahl der Videos haben wir ausgebaut. Die Zugriffsraten haben sich deutlich erhöht bis die Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania den Kanal wegen einer angeblichen Markenrechtsverletzung am 29.08.2019 sperren ließ. Unser Widerspruch bei YouTube blieb leider erfolglos. Die Wiedereröffnung des YouTube-Kanals ist im laufenden Kalenderjahr geplant.

Zusätzlich zum vereinseigenen YouTube-Kanal betreiben unsere Mitglieder Oliver WolschkeBarbara KohoutSophie Jones, Walter Schöning mit Walters Vlog und Andrea Stracke mit „Harmagedon kann mich“ (inzwischen eingestellt) mal erfolgreiche eigene YouTube-Kanäle, Facebook-Seiten und/oder Webseiten.

JW Opfer Hilfe auf Dailymotion

Aufgrund der Sperrung des YouTube-Kanals haben wir mit Dailymotion einen neuen, französischen Anbieter gefunden, der europäischem Recht untersteht. Leider hat Dailymotion nicht die gleiche Reichweite wie YouTube. Wir haben 26 Videos bei Dailymotion eingestellt und verzeichneten Ende Jahr 1.600 Aufrufe.

JW Opfer Hilfe auf Google

In der Google-Suche haben wir ein Vereinsprofil mit einigen Vereinsdaten, Fotos und Verweis auf jw.help eingerichtet. 

Unterstützungsangebote von JW Opfer Hilfe

Der Verein konnte sein Netzwerk von Fachpersonen und Selbsthilfeangeboten weiter ausbauen. Die Online-Beratung des Vereins wurde stark genutzt.

Netzwerk von Fachpersonen und Selbsthilfeangebote

Wir konnten auch unser Unterstützungsnetzwerk deutlich ausbauen. Bei den aufgeführten Fachpersonen handelt es sich um Psychologinnen und Therapeuten sowie Rechtsanwälte und -anwältinnen, welche die Lehre der Jehovas Zeugen und die sich daraus ergebenden Probleme kennen. Wir haben außerdem eine Ansprechperson beim Weißen Ring in Deutschland und verweisen beim Thema sexuellen Kindesmissbrauchs auf die Aufarbeitungskommission.

Wir können zudem auf fünf Selbsthilfegruppen und drei informelle Gruppen hinweisen, die meisten davon von Vereinsmitgliedern initiiert. Für akute Krisensituationen haben wir für Deutschland, Österreich und die Schweiz eine umfangreiche Liste von Beratungsangeboten in Krisensituationen zusammengestellt.

Die Online-Hotline von JW Opfer Hilfe

Wie im Haushaltsplan für 2019 beschlossen haben wir ein Web-Tool zur Verwaltung der Anfragen an der Online-Hotline ausgewählt und eingeführt. Damit können Anfragen den Zuständigen zugeordnet werden, der Bearbeitungsstand kann nachvollzogen und Statistiken können ausgelesen werden.

An unserer Online-Hotline haben wir 380 Anfragen (+400%) angenommen und bearbeitet (incl. Facebook-Anfragen).

Die Anfragen wurden nach dem Hauptthema den in der Grafik genannten Kategorien zugeordnet. Komplexe Anfragen sowie Anfragen mit mehrmaligem Beratungskontakt sind unter der Kategorie „Beratung“ subsumiert. Die Kategorie „allgemein“ umfasst Medien-Anfragen, Hinweise zu unserer Website jw.help oder Vorschläge für aktuelle und künftige Themen.

Aufklärung, Aktionen und Vernetzung

Die unten stehende Auflistung von Projekten und Aktionen macht deutlich, wie aktiv der Verein im vergangenen Jahr war.

  • Ernennung weiterer Ehrenmitglieder. Aufgrund der Corona-Krise wird die Ehrung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben (s.0ben)
  • Im Bilanzbericht II 2019 – „Geschichten Betroffener“ der Aufarbeitungskommission gibt es auf den Seiten 46-47 den bedrückenden Bericht einer betroffenen ehemaligen Zeugin Jehovas 
  • Teilnahme am Bund-Länder-Gesprächskreis der Weltanschauungsbeauftragten in Berlin am 21.03.2019
  • Gespräch mit Markus Grübel, MdB, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung am 22.03.2019
  • Auch Jehovas Zeugen haben das Recht zu wählen! Aufruf über soziale Medien zur Teilnahme an der Europawahl vom 16.04.2019
  • Beschwerde beim Schweizer Presserat wegen unberechtigter Rüge am 03.05.2019
  • Anmeldung der Marke jw.help am 14.05.2019
  • Vortrag an der Hochschule München, Fakultät Sozialwesen, am 16.05.2019 zum Thema Kindeswohlgefährdung bei den Jehovas Zeugen
  • Vortrag anlässlich der Fachtagung des Vereins Elterninitiative in Regenstauf vom 17.-19.05.2019 zum Thema Kindeswohlgefährdung bei den Jehovas Zeugen
  • Produktion eines Videos mit Experten- und Betroffenenaussagen zum Thema Suizidalität von (ehemaligen) Jehovas Zeugen
  • Beitritt in den Verband AGPF am 17.05.2019
  • infoSekta-Cafe mit Oliver Wolschke, Mitglied des Vereins, sowie Simon Rohde – „Ausstieg ins Leben – Zwei ehemalige Zeugen Jehovas erzählen“ am 31.05. 2019
  • Vernetzungstreffen in Zürich am 01.06.2019
  • Anzeige des Jehovas Zeugen KdöR-Vorstands in Stuttgart wegen Prozessbetrugs am 01.07.2019
  • Anhörung im Petitionsausschuss Baden-Württemberg am 01.07.2019
  • Gerichtsverhandlung und Freispruch von Regina Spiess in Zürich am 09.07.2019 
  • Vorort-Aufklärung in Österreich durch Vereinsmitglieder
  • Wachtturm-Opfer-Gedenktag – Produktion eines Videos mit Betroffenen- und Expertenaussagen sowie Stand am Alexanderplatz in Berlin am 26.07.2019 
  • Vorträge bei den säkularen Grünen in Hamburg und Berlin
  • Watch Tower Society of Pennsylvania lässt am 29.08.2019 unseren YouTube-Kanal und Instagram-Account schließen wegen angeblicher Markenrechtsverletzung
  • Watch Tower Society of Pennsylvania droht am 15.10.2019 rechtliche Schritte gegen unsere Marke jw.help und die Buchstaben JW im Vereinsnamen an. Wir schalten eine Fachkanzlei für Markenrecht ein. Es beginnen Vergleichsverhandlungen, die sich über mehrere Monate hinziehen.
  • Wokshop beim Studientag Fundamentalismus des Bistums Augsburg am 02.11.2019
  • Aussteiger-Treffen in Augsburg, Innsbruck und Wien im Dezember 2019
  • Umfrage unter den Vereinsmitgliedern zu den Folgen der Mitgliedschaft bei den JZ im Dezember 2019. Die Ergebnisse im Überblick sind weiter unter zu finden.

Medienbeiträge über den Verein sowie Mitglieder des Vereins

Im Folgenden eine Auswahl an Medienberichten über den Verein oder Mitglieder des Vereins:

Rechtliche Schritte zum Körperschaftsstatus der Jehovas Zeugen in Deutschland

Mitglieder und mit unserem Verein assoziierte Personen haben in Eigenregie umfangreiche Aktionen zur Überprüfung der KdöR-Rechte der ZJ geplant und ausgeführt:

  • Überarbeitung und Ergänzung des Gutachtens zur Erlangung der KdöR durch die Jehovas Zeugen
  • Petitionen an alle Bundesländer zur Überprüfung der Erlangung der KdöR der Jehovas Zeugen
  • Kontaktaufnahme mit Politikern aus den Petitionsausschüssen, insbesondere in Baden-Württemberg

Wichtige Ereignisse für die Aufklärungsarbeit im deutschen Sprachraum

  • Jehovas Zeugen müssen Haus-zu-Haus-Notizen einstellen, weil diese gegen die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union (DSGVO) verstoßen. In diesen Notizen wurde bis dato festgehalten, welche Vorlieben und Interessen eine angesprochene Person hat, wann sie am besten erreichbar ist und wieder besucht werden kann. Notizen über fremdsprachige Personen wurden an die zuständige Gemeinde weitergeben. Notizen machen war wichtiger Teil der wöchentlichen Missionierungsschulung.
  • Die neue Ausgabe des streng geheimen Ältestenhandbuches wurde am 10.02.2019, am Tag seines Erscheinens, geleakt. Das macht deutlich, dass es für die Organisation immer schwieriger wird, den Mitgliedern Informationen vorzuenthalten. Dass das Ältestenhandbuch so schnell und mehrfach geleakt wurde, ist auch ein Ausdruck davon, dass Menschen gegen ihren Willen, weil sie sonst ihre Liebsten verlieren würden, in der Gemeinschaft ausharren.

Jahresplan 2020

  • Abschluss des Vergleichs mit der Watch Tower Society wegen des Markenrechtsstreits und ggf. Umstellung der Kommunikationskanäle auf einen neuen Namen 
  • Planung des Wachtturm-Opfer-Gedenktags 2020 und weiterer Protestaktionen in Zürich und Prag zum internationalen Kongress der Jehovas Zeugen (soweit dies die Corona-Krise zulässt)
  • Planung und Durchführung des Werkstattgesprächs der Aufarbeitungskommission zu den Zeugen Jehovas Ende November bis Anfang Dezember 2020
  • Zusammenarbeit mit universitären Instituten zur Erforschung der Folgen von Aufwachsen und Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas
  • Politische und rechtliche Schritte zur Überprüfung der Erlangung der KdöR und im Zusammenhang mit möglichen Verstößen der Jehovas Zeugen gegen Datenschutzverordnung (DSGVO)
  • Breitere organisatorische Aufstellung des Vereins (JW Help 2.0)
  • Ausbau der Medienarbeit durch gezielte Medienmitteilungen
  • Weitere Erhöhung der Reichweite unserer sozialen Medien
  • Erhöhung der Mitgliederanzahl sowie des Spendenaufkommens
  • Weiterer Aufbau der finanziellen Mittel für anstehende juristische Aktivitäten

Anonyme Umfrage unter ehemaligen Zeugen Jehovas

– Aspekte fundamental-religiöser Indoktrination und Prägung –

Das Leid und die Einsamkeit, welche Ausgeschlossene bzw. Ausgetretene erleben, ist für viele nur schwer erträglich. Davon zeugen Aussteigerbücher, Beiträge in Facebook-Foren oder bei Reddit, YouTube-Videos sowie Medienberichte.

Doch lassen sich die Emotionen, Haltungen und Sichtweisen der Betroffenen strukturiert erfassen, quantifizieren? Der Verein JW Opferhilfe hat mit einer Umfrage unter den Vereinsmitgliedern den Versuch unternommen. Ziel war es, einen datenbasierten Einblick zu verschiedenen Aspekten, v.a. Prägung, Einstellung und Folgen, fundamental-religiöser Indoktrination innerhalb der Religionsgemeinschaft der Jehovas Zeugen zu gewinnen.

Über einen Zeitraum von ca. einem Monat Ende 2019 wurde eine Umfrage unter ehemaligen Zeugen Jehovas, gleichzeitig Mitglieder des Vereins JW Opfer Hilfe e.V., durchgeführt, mehr als 80% haben sich daran beteiligt. Im Folgenden wird eine Auswahl der gestellten Fragen sowie der Antworten darauf vorgestellt.

Gründe für den Ausstieg

In der Befragung wurde u.a. nach Gründen für den Ausstieg gefragt. Eine Frage zielte darauf ab, ob Betroffene die Organisation verlassen würden bzw. verlassen hätten, wenn sie sicher wüssten, dass die Lehre nicht stimmt. Die meisten Befragten bejahen dies. Allerdings haben 12% der Antwortenden angegeben, dass dies für sie kein Grund ist bzw. gewesen wäre, die Organisation zu verlassen. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Personen nicht riskieren wollen bzw. wollten, mit dem Austritt Familie und Freunde zu verlieren.

Situation vor dem Ausstieg

Die Zeit vor dem Ausstieg / Ausschluss war für die meisten Ehemaligen eine Zerreissprobe, geprägt von mitunter massiven psychischen Belastungen, wie die Antworten auf die folgende Frage deutlich machen:

Was waren deine Empfindungen, Sorgen, Ängste, Hoffnungen (direkt) vor dem Ausstieg?
Das Weltbild brach zusammen, wie wenn es einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Bedrückend zu wissen, dass sich Freunde von einem Tag auf den anderen von einem abwenden und Hilflosigkeit deswegen.
Ich wusste, wenn ich die Organisation verlasse, würde meine Familie den Kontakt abbrechen und bei meinem Tod nicht mal zu meiner Beerdigung kommen.
Ich wollte schnellstmöglich raus. Angst, meine Familie zu verlieren. Angst vor sozialer Ächtung.
Ich war fassungslos immer mehr zu verstehen, dass ich einer falschen Glaubenslehre gefolgt bin. Ich fühlte meine Lebensgrundlage einstürzen. Ich glaubte den inneren Halt zu verlieren. Ich befürchtete, durch den Verlust der Freunde und Angehörigen mit der Isolation nicht fertig zu werden.
Situation nach dem Ausstieg

Auch die Situation nach dem Ausstieg sowie Folgen des Ausstiegs stellten für die meisten Betroffenen eine ungeheure Belastung dar:

Was sind die Probleme (psychisch, familiär, persönlich etc.) mit denen du dich nach dem Austritt / Ausschluss konfrontiert siehst / sahst?
Depressionen, zerrüttetes soziales Umfeld, Schwierigkeiten beim Aufbau eines neuen sozialen Umfeldes, Orientierungslosigkeit.
Die entstehende Leere mit Sinn füllen. Der fehlende Halt durch eine Familie, die immer für einen da war und jetzt unerreichbar ist. Eigene Wertmaßstäbe für richtig und falsch entwickeln, bzw. wahrzunehmen, dass die Welt nicht schwarz/weiß ist, sondern kompliziert und dort seinen Platz zu finden.
Ehescheidung, Ächtung durch die Familie, komplett neuer Lebensabschnitt.
Eingeschränkte Kommunikation mit der Familie. Kontakt wurde nicht vollständig abgebrochen aber eingeschränkt. Permanente Kritik der Familie an der Entscheidung. Oftmals auch nur durch Blicke und ohne Worte.
Betroffenheit durch Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft

Die folgende Frage macht deutlich, wie vielfältig betroffen die Befragten durch ihre Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft waren.

Die überwiegende Mehrzahl der Befragten erlebte Ächtung (85%), rund jede/r Fünfte gar als Minderjährige/r. Fast jede dritte Person erlebte als Kind körperliche Misshandlung, rund Dreiviertel der Befragten fühlten sich als Kind überfordert durch Versammlung und Predigtdienst bzw. isoliert infolge der vielen Verbote. Ein Viertel der Frauen erlebten Diskriminierung, 7% waren von häuslicher Gewalt betroffen. 15% der Befragten wurden als Homosexuelle diskriminiert, mehr als die Hälfte der Antwortenden erlebte Einmischung ins Sexualleben. Rund 40% der Befragten waren vom Blutverbot betroffen und Dreiviertel von der Stigmatisierung höherer Bildung. Fast 80% der Antwortenden waren vom Wahlverbot tangiert und jede dritte befragte Person von der unzureichenden Umsetzung der Datenschutzverordnung durch die Organisation der Jehovas Zeugen.

Aufgaben des Vereins

Auf die Frage nach den wichtigsten Aufgaben des Vereins wurden unter anderem die folgenden genannt:

Was sind deiner Meinung nach die drei dringlichsten Aufgaben für den Verein JW Opfer Hilfe (sofern du ihn kennst)
– Aufklärung innerhalb der Politik, damit die KdÖR aberkannt wird
– Aufklärung und Unterstützung von Hilfesuchenden (Weitervermittlung, Adressenlisten, Infostände)
– bekanntester Hilfeverein (offizielle Anlaufstelle) für Ausstiegswillige und Aussteiger werden
– seriöse Informationen über ZJ 
– Schwachstellen der beiden großen Kirchen aufzeigen, die von den ZJ professionell ausgenutzt werden
– Anlaufstelle für Opfer zu sein
– Ansprechpartner für Aussteiger/Ausstiegswillige und Partner von Zeugen
– Öffentlichkeit über die “Fratze” hinter dem Lächeln der Zeugen aufklären 
– Materialien zum selbst erkennen was bei den Zeugen falsch läuft liefern
Ängste nehmen, was falsch zu machen
Anwaltliche Beratung u.a. bei Kindesentzug
Psychologen und Ärzte empfehlen oder vermitteln
Großer Nutzen der Umfrage

Die Umfrage unter den Mitgliedern unseres Vereins macht deutlich, wie schwerwiegend die Belastungen durch die Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas bzw. das Verlassen der Gemeinschaft sind. Die Ergebnisse werden in Arbeit des Vereins einfließen, etwa bei Vorträgen in Bildungsinstitutionen oder vor Ärztinnen und Psychologen.

Sehr hilfreich war die Studie bereits im Zusammenhang mit unserem Ziel, wissenschaftliche Arbeiten zu den Folgen der Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas zu anzustoßen. Die Ergebnisse der Befragung haben Vertreter/innen psychologischer Institute aufhorchen lassen – sie sehen Forschungsbedarf und dank der Vermittlung des Vereins auch die Möglichkeit, mit Betroffenen in Kontakt zu kommen. Unterdessen sind mehrere Forschungsarbeiten begonnen worden, über deren Resultate wir gerne berichten werden.

Schließlich zeigt die Mitglieder-Befragung, dass das Angebot des Vereins den Anliegen der Mitglieder ziemlich gut entspricht. Die Umfrage macht auch deutlich, wie wichtig die Arbeit des Vereins JW Opfer Hilfe ist.